32er

Frau H., also – der 32er ist manchmal eine ziemliche Herausforderung – ich als sensibles öV-Küken bin da natürlich noch nicht so abgebrüht.

Da sitze ich also friedlichst und ziemlich müde nach der Arbeit etwa um sieben Uhr Abends im besagten Bus. Fensterplatz, unweit der Türe. Meine Sitznachbarin ist eine unauffällige, leicht verschupfte Mittefünfzigerin. Soweit sogut.

Bucheggplatz, Lägernstrasse. Prima, die Heimat rückt näher. Am Limmatplatz ist es dann soweit. Ein KR7 (K für Kreatur, R für Rülpser,  7 für die Rülpser alle 7 Sekunden) steigt ein. Stellt sich direkt an die Stange neben die Mittefünfzigerin, versucht seine Bierdose gerade zu halten und schwankt, obwohl der Bus noch steht. Bieratem breitet sich aus. Da ist aber nicht nur Bier drin. KR7 hat auch sonst gut was geladen. Glasige Augen blicken leer umher.

Mittefünfzigerin rückt etwas näher zu mir. Bus fährt ab. KR7 schwankt noch mehr und die Bierdose schwebt bedrohlich durch die Lüfte. KR7 brabbelt etwas unverständliches und wirft seinen Kopf mit unruhig-irrem Blick hin und her. Die Busfahrgäste tun, was sie in solchen Momenten immer zu tun pflegen – sie schauen weg. Das ist etwa so sinnvoll, wie beim „Versteckis“ als Kind die Augen zuzumachen. Seh ich dich nicht, siehst du mich nicht. Nur, Bierdosenspritzer sieht man nicht, die spürt man.

KR7 brabbelt also vor sich hin, zuckt und verspritzt Bier. Draussen zieht die Langstrasse vorbei und ich spüre die Mittefünfzigerin und ihre Anspannung nun ganz nahe.Klasse, Körperkontakt – das brauch ich jetzt echt nicht. Aber ich erstarre, harre der Dinge, die nun kommen werden. Ich hoffe einfach, dass KR7 seine letzten Konsumationen für sich behält. Er würgt so ein Bisschen seltsam.

Die nächste Haltestelle kommt näher. KR7 kneift die Augen zusammen und versucht die Türe zu fixieren. Ich weiss nicht, vielleicht ist KR7 ein Heilliger. So ein Typ, der das Meer teilen kann oder so. Denn die Fahrgäste weichen links und rechts beiseite, eine Gasse bildet sich und KR7 stolpert, nachdem er nochmals etwas Bier verschüttet hat, aus dem Bus.

Adieu – adieu, denke ich und die Mittefünfzigerin rückt wieder auf ihren Platz zurück. Nun folgt verständnisvolles Blicke austauschen unter den Fahrgästen. Wir sind jetzt alle fast Freunde, solche Momente schweissen halt schon zusammen.

Als ich am Helvetiaplatz aussteige, erinnert nur noch eine kleine, klebrige Pfütze auf dem Busboden an KR7. Ich trete an die frische Luft, strecke die Nase witternd in die Luft und weiss – da draussen ist er, irgendwo da draussen ist KR7 und plant seine nächste Busfahrt…