Feuerwehrsirenen

Frau H. Das war aber ein Schreckensmoment am Wochenende, meine Güte.

Also. Stell dir vor, du sitzt ausgeschlafen, entspannt und zeitungslesend zu fortgeschrittener Morgenstund am samstäglichen Frühstückstisch. Musik schlängelt sich sanft durch den Raum, Kaffeeduft durchströmt die Wohnung und umschmeichelt deine Nase. Es ist gut, das Leben. Das Zeitungsrascheln schreit Wochenende, du verlierst dich in dem Blätterwald während du in ein Dinkelbrötli beisst. Dann hörst du Feuerwehrsirenen. Nicht aussergewöhnlich, die Feuerwehrzentrale ist ja mehr oder wenige ums Eck.

Mensch, da muss ganz schön was los sein, denkst du, da heulen ja auch noch Polizei und Sanitätssirenen. Mensch, ist das laut. Sehr laut. Und so nahe. So verdächtig nahe. Und irgendwie hören alle Sirenen just vor deinem Haus auf zu hornen. Sowas aber auch. Deine Hirnwindungen brauchen etwas länger als dir im Nahhinein lieb ist. Gedanke kommt an. Körper steht auf, geht zum Fenster.

Ouuujjaah, dachtest du dir doch, dass die Sirenen nach verdammt Nahe getönt haben. Der ganze Hinterhof steht voller Feuerwehr, Polizei und Sanität. Du denkst an deine gemütliche aber total morsche Wohnung, an das viele Holz, die alte Bausubstanz, die fehlenden Feuermelder, das ewig lange Treppenhaus und auch daran, dass du dich im 5. Stock befindest.

Du bist einen kurzen Bruchteil ratlos, dann läufst du zur Haustüre um sie zu öffnen und irgendwie graut dir davor, Rauch zu sehen und zu schmecken. Aber da ist nichts, der Flur flurt ruhig vor sich hin und ist wie immer, hell, leer, sauber – alles ok. Trotzdem. Mulmig ist dir schon zumute. Irgendwie. Aber irgendwie glaubst du auch nicht daran, dass ausgerechnet bei dir was los sein sollte. Das würd jetzt grad nicht passen. Echt ey.

Nun, von einer inneren Unruhe getrieben schlüpfst du trotzdem in Schuhe und Mantel und überlegst noch, ob du deinen geliebten Mac, den feinen Champagner und das neue Buch mitnehmen sollst – man weiss ja nie. Oder die Badeschlappen. Oder die frisch gebügelte Bluse. Verstandsgesteuert läuft sowas nicht ab. Vor deinen Augen erscheinen Szenen, wie du stundenlang oder gar nie mehr in deine Wohnung darfst oder kannst, wie du mit Null wieder anfangen musst und das ist ziemlich schräg. Also wischt du diese Gedanken weg und läufst vorsichtig wie über rohe Eier aber doch recht zügig das Treppenhaus runter. Alles ruhig.

Unten vor dem Haus tobt das Chaos. Geordnete Hektik unter Feuerwehrmännern. Gelb leuchtende Organisation. Jeder tut was und jeder sieht aus, als ober er weiss, was er tut. Guckuck, bin ich in Gefahr Herr Feuerwehr? Die kümmern sich aber gar nicht um mich sondern arbeiten was-auch-immer weiter.

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Etwas später ist zu erfahren, dass im Haus nebenan bei Coop eine Liftkabine feststeckt. Seile gerissen, Notbremse hält. 6 Menschen eingeschlossen. Uuups.

Irgendwie erleichtert aber auch aufgeregt nachdenklich geht dein Samstag weiter. Die Menschen sind schon lange gerettet und bei dir zu Hause steht noch das Frühstück mit Tagi Seite 28 aufgeschlagen. Aber du musst erst mal reden. Austausch mit Freunden im Café, was wäre wenn, was würdest du tun wenn, wärst du überhaupt fähig zu reagieren, würdest du auf dem Balkon ausharren und in dieser verdammt hohen Höhe in so einen wackligen Rettungskorb steigen, wäre der Verlust von Materiellem wirklich so schlimm, was wäre wenn..

Ich bin erst mal froh, ist alles gut gegangen – auch für die Liftmenschen und morgen, morgen geh ich einen Feuerlöscher kaufen….