Kinder, Kinder

Frau H. – es geschah vor gar nicht allzulanger Zeit, dass ich zu einen Kindergeburtstag eingeladen war. Ein Jahr Junior Nr. 2. Also, eigentlich ein Jahr und zwei Tage – aber die Verwandschaft kann ja nicht an einem Wochentag. Also findet die Feier am Sonntag statt. Natürlich am Nachmittag, das Kind ist ja noch ein Kind und soll etwas von seiner Feier haben. Ein Jahr. Hm. Was macht ein Kind eigentlich so mit einem Jahr? Läuft es schon oder robbt es noch? Brabbelt es noch oder spricht es schon? Kann es, wenn ja was, Dinge wahrnehmen und zuordnen? Versteht es, was ich sage? Was macht man eigentlich mit einem einjährigen Kind? Und warum fangen diese kleinen Menschen immer an zu weinen, wenn ich „tu-tu-tu“ zu ihnen mache?

Immerhin, mein Göttibueb – der grosse Bruder des Geburtstagskindes – ist in einem Alter, mit dem ich etwas anfangen kann. Redet, springt, malt, fährt Velo, erzählt, spielt, isst, erklärt, schaut zu, guckt Büchlein an, staunt, lacht, weint – ein kompletter kleiner Mensch.

Als liebes (wenn auch selten gesichtetes) Gotti habe ich ihm Seifenblasen mitgebracht. Und so marschieren wir raus in den Garten und üben zusammen. Mach mal ganz langsam „pfhüüüü“, dann gibts schöne Blasen. „Pffatt“. Nix Blase. Der Kleine prustet so stark, dass nur gerade die Seife heruntertropft. „Pffatt“. „Pffatt“. Nach mehrmaligem üben und viel „Pfhhhüüüüüüüüü“ klappt es dann. Und er staunt den bunten Luftblasen nach und freut sich.

Junior Nr. 2, das Geburtstagskind, findet Gefallen am Rummel und er sitzt strahlend in seinem Holzstuhl oder lässt sich in einem kleinen Holzwagen herumschieben. Die gute Stube ist gefüllt mit vielen Erwachsenen und gefühlten 30 Kindern – tatsächlich waren es wohl ungefähr 8. Und die flitzten kreuz und quer umher, rein – raus, rauf- runter… Ich habe auch nach einer Stunde noch nicht herausgefunden, wieviele das tatsächlich waren.

Eine einfache Information für die Erwachsenen, das Glück auf Erden für Kinder: „Kuchen!“. Innert Sekunden ordnet sich das Gewimmel und die zappelnden Nachwüchsigen sitzen am Tisch. Grosse, staunende und erwartungsvolle Augen richten sich auf die Herrlichkeiten. Der Kuchen wird verteilt, die Kinder essen und sind ruhig. Mann, Frau H., war das auf einmal still. Natürlich nicht für lange Zeit. Zack, Stuhl weg, Kind mit Schokomund runter, rein ins Spielzeug-Getümmel. Ran an den Maltisch. Blätter her, Stifte raus. Malen.

Drei Kinder sitzen also da und malen. Ohhhh, frage ich meinen Göttibueb, was ist das denn Schönes? Er blickt mich verständnislos an und sagt: Ein Auto! Ah ja, schön. Und malst du mir eine Sonne? Ja. Gelber Stift. Hin und her auf dem Papier. Sonne! Schööööön – sage ich und sehe Freude in den Kinderaugen. Gelber Stift kommt jetzt aber zu nahe an das Blatt von malendem Kind Nr. 2. Heeey, das ist mein Blatt. Schmoll, zitternder Mundwinkel. Malendes Kind Nr. 3 (das Älteste) meint: DU (zu meinem Göttibueb) darfst nur HIER malen.  Und markiert auf dem Blatt von Kind Nr. 2 einen grossen Kreis in Rot. Kind Nr. 2 findet es definitiv nicht mehr lustig. Erst die gelben Sonnenstrahlen meines Göttibueben und jetzt noch der rote Kreis auf seinem Blatt. Zudem pieckt mein Göttibueb Kind Nr. 2 nun auch noch mit dem gelben Stift in die Backe. Ich blicke mich nervös nach den anderen Erwachsenen um, doch die sind beschäftigt. Also muss ich die Situation retten. Ich trällere schwungvoll: Wer malt das schönste Haus? Drei Paar Kinderaugen blicken mich leicht irritiert an. Die Zeit steht still. Ich kriege Wallungen. Dann wenden sich die Kinder achselzuckend (wenn Kinder überhaupt schon achselzucken können) ihren Blättern und Stiften zu und malen weiter. Ich schleiche mich schweissgebadet rückwärts weg und verkrümle mich in die Küche. Uff…

Ich sage dir, Frau H. – das schafft einem mehr als zehn Stunden intensiv zu arbeiten. Spannend war, dass ich in der Malrundensituation durchaus einige Parallelen zur Bürowelt entdeckt habe. Das nächste Mal werde ich also Kollege X. beim übertreten der Grenze mit einem gelben Stift in die Backe pieksen und gut ist…

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