Vom Auto zum öV

Liebe Frau H. – es ist Zeit, ein Fazit zu ziehen. Du erinnerst dich… vor knapp einem halben Jahr verkündete ich (Original-Zitat): „Ich ziehe in die Stadt. Ich verkaufe mein Auto. Ich kaufe mir ein Stadtvelo. Ich melde mich bei Mobility an. Ich werde öV-Nutzerin.

Wissen sollte man, dass ich zwanzig Jahre lang dem Vorsatz „Nicht ohne mein Auto“ treu war. Mein Auto war mein Freund, mein Zuhause, mein Leben. Ich fuhr jeden möglichen (und manch unmöglichen) Meter mit dem Auto. Argumente hatte ich immer. Im Schlimmsten Fall sind Argumente ja einfach Ausreden mit Hand und Fuss, nicht wahr. Und wenn ich mal keine hatte, gabs trotzdem einen Grund. Nicht, dass ich mir im meinem Auto-Leben etwas vorgemacht hätte. Ich fuhr tatsächlich gerne Auto. Viel lieber, als die öV-Unannehmlichkeiten auf mich zu nehmen.

Meine öV-Versuche konnte ich denn auch jährlich an zwei Händen abzählen. Ich fand es äusserst mühsam mich nach einem Fahrplan zu richten, meine Taschen und Unterlagen zu schleppen, mir unsägliche Unterhaltungen oder i-Pod-Getöse von anderen Fahrgästen anzuhören, mich an unhygienischen Stangen festzuklammern, der Witterung ausgesetzt zu sein oder von irgendwelchen Gerüchen belästigt zu werden. So sehr ich mein Auto liebte, so sehr lehnte ich die öV ab.

Nun. Mein Entscheid basierte – das muss ich ehrlicherweise zugeben – nicht auf heroischem Gedankengut. Sprich, ich bin nicht zur Umweltschützerin mutiert. Aber natürlich war das ein positiver Aspekt. Es war schlicht und einfach Zeit. Zum Entscheid verhalfen auch finanzielle Betrachtungen und ein Blick auf meine Energieressourcen. Und da ich mitten in die Stadt zog, brauchte ich nun mal wirklich kein Auto mehr. Zu guter Letzt hatte ich einfach auch Lust herauszufinden, wie ich mit so einer Veränderung umgehe. Eine normaler, täglicher Schritt für tausende von Menschen – aber ein grosser Schritt für mich…

Du möchtest wissen, was ich nun schlussendlich umgesetzt habe? ALLES. Ich bin in die Stadt gezogen. Ich habe mein Auto verkauft. Ich habe mir ein Stadtvelo gekauft. Ich bin Mobility-Mitglied. Ich fahre jeden Tag öV. Tja. Einfach war und ist es nicht immer.

Erst einmal musste ich mich orientieren. Ich studierte also die bunte ZVV-Karte, druckte mir jede Menge Fahrpläne aus und klebte sie fein säuberlich in mein Moleskine. Das war allerdings das letzte Mal, dass ich sie gebraucht habe. Nach Fahrplan zu fahren ist (immer noch) nicht mein Ding.

Mein neuer Arbeitsweg: Mit dem 32er vom Helvetiaplatz bis zum Bucheggplatz. Mir wurde attestiert, dass dies ein heavy Einstieg in das öV-Leben sei. Recht hatten sie. So nehme ich inzwischen auch oft einen kleinen Umweg in Kauf, um bequem(er) und doch etwas gemächlicher mit dem Tram zur Arbeit zu gelangen. Busfahren ist definitiv nicht mein Ding und die Langstrasse ist ja schon spannend – aber nicht jeden Tag. Und die Anfängerfehler? Eine kleine Auswahl:

  • Für mich war – warum auch immer – klar, dass man im öV sitzen sollte. Ich stand am Anfang aber bestimmt immer so an einer Haltestelle, dass die Eingangstüren nicht auf meiner Höhe zu stehen kamen, ich schlussendlich als Letzte einsteigen und bestimmt keinen Sitzplatz mehr ergattern konnte.
  • Freie Plätze, auf welche ich mich dann am Anfang stürzte, erwiesen sich als die schlechtesten Plätze (darum auch noch frei…) weil es entweder ein Platz direkt auf einer Heizung war und man dort schier gebraten wurde oder der Platz genau so lag, dass es einem bei jedem Halt fast wegen des frischen Luftzuges vom Sitz windete.
  • Bei einer meiner ersten Busfahrten war da noch ein freier Platz, obwohl ich fast zuletzt einsteigen konnte. Natürlich stürzte ich mich sofort darauf. Nach wenigen Metern Fahrt wusste ich, warum der Platz noch frei gewesen war. Ich fuhr rückwärts. Mir wurde sowas von übel – aber ich blieb trotzig sitzen und kämpfte gegen die Übelkeit und einen ersten Verdruss bezüglich meiner öV-Metamorphose an.
  • Die schönen neuen Schuhe machten grosse Freude. Helles, leichtes Leder, leichte Absätze – schick, schön aber unpraktisch für die öV-Welt. Denn da draussen ist es rutschig, nass und es lauern Rillen und Stufen und tolpatschige oder rücksichtslose Mitfahrende. So, dass meine schönen neuen Schuhe am Ende des ersten Trage-Tages denn auch etliche Schäden aufwiesen. Nass, schwarze Striemen, Kratzer. Das war nicht lustig. Als Autofahrerin gab es diesbezüglich keine Jahreszeiten.
  • Apropos Jahreszeiten. Klar, ich stieg im Winter um. Und da kann es nunmal kalt sein – eine nicht ganz unlogische Schlussfolgerung. Aber – am Anfang trug ich entweder zuwenig und fror mir an den zugigen Haltestellen schier die Ohren, Hände und Füsse ab oder ich verschmachtete im öV, weil zu warm eingepackt.
  • Als Autofahrerin war ich es gewohnt, soviel Material mitzunehmen, wie ich wollte. Laptoptasche, Getränkenachschub fürs Büro, meine Tagessration Gemüse im Tupper, Trainingstasche etc. etc. So packte ich an einem meiner ersten öV-Tage denn auch gewohnt viel Material bereit (man weiss ja nie, was der Tag so bringt…) und verfluchte diesen Entscheid im Tram. Meine Gepäckstücke waren sowas von im Weg, ich konnte mich kaum festhalten, die (weisse…) Laptoptasche wurde schmutzig und das ganze Material hatte auch noch einiges an Gewicht.
  • Doppelhaltestellen haben es in sich. Stieg ich zuhinterst ein musste ich beim umsteigen bestimmt ganz nach vorne rennen, um den Tramzug davor noch zu erwischen. Oder umgekehrt.
  • Thema Handtasche. Eine schöne Handtasche hängt man sich nicht um, sondern höchstens über den Unterarm. Was extrem unpraktisch ist, im öV. Man hat die Taschen-Hand nicht frei. So kaufte ich mir nach wenigen Tagen eine mittelschöne Umhängetasche. Nun, es war ein Fehlkauf. Denn obwohl man die Tasche umhängen konnte und die Hände somit frei waren, hatte die Tasche einen Fehler: Keinen Reissverschluss. Extrem blöd aber gut für Taschendiebe. Nach einigen völlig verkrampften öV-Fahrten (Tasche bewachen ist anstrengend) stieg ich auf ein ziemlich altes Taschenmodell um. Umhängetasche mit Verschluss. Super.

Ich könnte noch einige Dinge aufzählen. An die Gerüche z.B. gewöhne ich mich wohl nie. Knoblauch mit Bierfahne, Schweiss mit billigem Aftershave, penetrantes Parfum… Oder das Gerangel beim Ein- und Aussteigen.

Aber ganz im Ernst. Ich finde auch viel Positives – nicht unbedingt quantitativ aber qualitativ! Zum Beispiel: Einsteigen – Abtauchen. Ich darf auf einmal herrlich unaufmerksam sein. Und das hat einen ganz eigenen Erholungswert. Mehr Zeit zum Träumen und die Gedanken fliessen lassen hat was. Auch gut: Die Autos stehen im Stau und das Tram (mit mir drin) flitzt vorbei. Yes! Und ich dachte nicht, dass fünf Minuten warten gar nicht so schlimm ist. Ich bin viel entspannter, weniger gehetzt.

Und ich bin sogar schon – freiwillig, weil ein Auto hätte ich ja mit Mobility behändigen können – für eine Fahrt nach Basel mit dem Zug gefahren. Wäre früher nie denkbar gewesen… Mit dem Tram schwuppdiwupp zum Bahnhof, rein in den Zug. Weil ich mir sagte, dass eine Stunde Fahrt herrlich erholsam sein könnte. Wäre es denn auch gewesen, wenn da nicht diese Stellwerkstörung… Nun gut, kommt halt auch vor. Dafür war die Rückfahrt herrlich entspannend. Ein Mobility-Auto habe ich bisher noch nie gebraucht – stell dir das mal vor. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass es die Möglichkeit gibt.

Mein Fazit: Ich finde das öV-Leben eigentlich ganz OK, im Grunde genommen sogar sehr OK. Ich bereue den Umstieg nicht, auch wenn ich mein Auto manchmal vermisse. Wäre mein Arbeitsweg allerdings länger, würde ich nicht mitten in der Stadt wohnen und müsste ich mehrere Male umsteigen, wäre ich vermutlich nicht ganz so begeistert. Aber ich bin es und sage: es war ein guter Schritt!

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