Der Brüller

Liebe Frau H. – Da ist wohl einer mit dem linken Bein aufgestanden heute. Ich denke mir, dass der Mann wohl gut beraten gewesen wäre, einfach liegenzubleiben.

Da sitze ich tagträumend auf dem Weg zur Arbeit im Tram. Das Tram ist gut besetzt, es herrscht schläfriges Treiben – wenn man Treiben überhaupt als schläfrig bezeichnen kann. Item, alle dösen also noch ein wenig vor sich hin. Friedlich halt. Da wird die Ruhe jäh durchbrochen. Eine Männerstimme schimpft lautstark.

Mensch, denke ich, tragt euren Streit woanders aus. Der Mann gibt ein paar richtig derbe Schimpftiraden von sich. Vorsichtig linsen die Fahrgäste nach vorne. Ich natürlich auch. Da steht ein älterer, leicht gebückter Mann. Alleine. Da ist niemand sonst. Abgesehen von ein paar einzelnen Fahrgästen, welche stocksteif und krampfhaft aus den Fenstern oder in eine der hochstehenden Gratislektüren blicken. Der Mann dreht sich in verschiedene Richtungen und schimpft. Die Hände flitzen durch die Luft. Die Augen flattern und die Haare stehen wirr vom Kopf. Dann blickt er in unsere Richtung. Zack. Alle Köpfe ziehen sich blitzschnell zurück. Ich halte den Atem an – einfach nicht zu uns nach hinten kommen, Herr Rumbrüller! Doch wir scheinen nicht spannend zu sein, auch gut.

Der Mann scheint seine Umgebung nicht wirklich wahrzunehmen, schimpft aber so doll, dass man sich unweigerlich betroffen fühlt. Die Tram-Passagierschaft wird kollektiv in die Pflicht genommen. Das Leben sei nicht gerecht. Aufhören sollen wir. Aufwachen. Eine Schweinerei ist es. Ungerecht. Da kommt jede Menge Weltschmerz hoch. Er zetert und schimpft die nächsten zwei Stationen. Dann steigt er aus. Weiterhin schimpfend natürlich.

Inzwischen bin ich überzeugt, dass da auch einmal liegenbleiben am Morgen nicht gereicht hätte. Da hilft wohl nur einmal zurück auf Start. Einen Reset-Knopf habe ich aber nicht gesehen. Aber der war vielleicht unter dem grossen, wuschligen Bart versteckt…

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