Hermes Baby? Flohmarkt!

Liebe Frau H. – gestern schlenderte ich über den Flohmarkt auf dem Bürkliplatz. Ich? Ja ich. Ehrlich gesagt nicht gänzlich freiwillig. Denn an Flohmärkten bin ich normalerweise höchstens alle fünf Jahre anzutreffen – und dann auch nur als Verkäuferin, um meine glücklich ershoppten aber kaum gebrauchten Sachen wieder loszuwerden… Oder um ein schmuddeliges, wurmstichiges (und wie ich später erfuhr schampar wertvolles) altes Holzkästchen von guten Freunden zum Schleuderpreis zu verkaufen, während sie mal eben einen Kaffee holen gingen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Nun trug es sich gestern wie folgt zu: Eine liebe Freundin aus Basel war zu Besuch und wir waren mit dem Tram Richtung Bellevue unterwegs, um a) das Niederdorf leer zu shoppen und b) ausgiebigen Kaffeeklatsch zu halten. Als das Tram auf den Bürkliplatz zufuhr, quietschte sie auf einmal erfüllt von echtem und zu tiefst von Herzen kommendem Entzücken „Ein Flohmarkt, ohhhhh, ein Flohmarkt. Es ist Floooooooohmarkt.“ Flehender Blick zu mir. „Aaaaaach“ entwich es mir und ich wusste – das war’s. Es kam nicht einmal im Ansatz so etwas wie ein Widerstandsgedanke auf. „Wollen wir…?“ fragte sie. Und ich antwortete, was jede gute Freundin in einem solchen Moment antwortet: „Aber klar doch“. „Echt?“. „Echt!“. „Aber sag ruhig, wenn du keine Lust hast“ sagte sie – schliesslich kennt sie mich ja. Und ich erwiderte ehrlicherweise, dass ein Flohmarkt nicht mein Ding ist, ich aber gerne mit ihr mitkommen werde.

So kam es, dass Frau W. den Flohmarkt auf dem Bürkliplatz besuchte. Nachdem ich vom Auto zum öV umgestiegen bin und mit einem M-Budget-Velo und Mobility-Autos die Strassen unsicher mache, kann ich ja genausogut auch noch über diesen Schatten springen… Wir schlenderten also los. Beziehungsweise schlenderte ich und sie hüpfte mehr oder weniger von Stand zu Stand. Ich schlenderte voraus, ich schlenderte hintendrein. Ich schlenderte so gelassen, wie das auf einem Flohmarkt halt geht. Wirklich, diese Riesenhaufen von altem Kram beelenden mich. Ich kanns nicht ändern. Alte Skischuhe, abgewetzte Tupperware, schreiend hässliche Plastikgartenzwerge, defekte Wecker und Rasierapparate, ein modriges Geweih, einbeinige Barbiepuppen mit kurzgeschorenen Haaren, verkratzte Kleenex-Behälter, rostige Kleiderhaken, abgelatschte Schuhe, alte aber nicht antike Golfschläger, zerflädderte Harry Potter-Bücher…. Brrrrrr. Fairerweise muss man sagen, dass es für manche Leute sicher eine gute Option ist, günstige Ware einzukaufen und, dass es durchaus auch anständige Sachen auf Flohmärkten anzutreffen gibt. So zum Beispiel schöne alte Weingläser, Geschirrkrimskrams oder Kronleuchter. Aber sonst. Kram. Ein Platz voller Kram. Alles unbrauchbar, ich würde nie etwas kaufen. Nie?

Nun, ich wurde eines Besseren belehrt. Ich schlenderte, mein Blick schweifte ohne Ziel über die bunte Flohmarktwelt. Da blieb er hängen. Dort am Boden stand sie. Selbstbewusst, stolz und doch etwas verloren, weil nicht gebührend ins richtige Licht gerückt (zum Glück für mich). Wir blickten uns an und ich wusste, wir haben uns gefunden. Zwei Schritte und ich war bei ihr. Vorsichtig fuhren meine Hände über die Tasten. Glückserfüllt schloss ich sie sofort ins Herz. Ein Zeichen! Eine Hermes Baby!!

Dazu musst du wissen: Eine Hermes Baby ist eine Reiseschreibmaschine – ein qualitativ gutes und doch günstiges Schweizer Produkt, ab ca. 1935 während rund 50 Jahren produziert. Ein Riesenerfolg. Viele grosse Autoren konnten und wollten nicht mehr ohne, bedeutende Werke wurden auf ihr geschrieben. Hemingway hatte eine, Steinbeck hatte eine – und jetzt hat Frau W. auch eine. Nicht, dass ich mich literarisch mit den Kollegen in eine Reihe stellen würde – aber die Begeisterung teilen wir uns ohne Zweifel.

Nun denn, zurück auf den Bürkliplatz. Ohne grosse Preisverhandlungen (die Frau war wirklich nett) erstand ich mein(e) Baby. Meine Hermes Baby. Eine Inspirationsquelle, ein Highlight im (werdenden) Schriftstellerleben.

So ein geiler Flohmarkt aber auch!

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2 thoughts

  1. Hübsch ersonnen, Frau W.. Kam soeben unter dem Stichwort „Flohmarkt“ via google-alerts in meine Mailbox geflattert. Gelacht. Zumal man als Nichtschweizer so nette Wörter wie „das Tram“ und „die Hermes“ lernt. Bin schon neidisch, reicht ja bei uns allenfalls zu Flohmarktflirts mit Gabriele und Erika; obwohl ja Frauenversteher Heinrich Böll mit denen (aber ich schweife ab, Frau W.). Irgendwie erinnert mich Ihr Sound an irgendwen; komme schon noch drauf. So ganz glaube ich die Story mit der Freundin und Ihrer Flohmarktallergie allerdings nicht. Allerdings ein netter Versuch der kreativen Erzählklammer; chapeau! Den Schlusssatz haben Sie allerdings gewaltig versemmelt. Wegen der netten Überraschung am frühen Pfingstmontag werde ich Ihrer Geschichte und Ihrem Blog ein Posting auf meinem Blog widmen. Grüsse in die Schweiz! Frau K..

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    1. Liebe Frau K. – ich bedanke mich gebauchpinselt und kann versichern: Es lief genau so ab (sogar mit Original-Dialog) – und es ist in der Tat so, dass zwischen Flohmärkten und mir nie eine Liebesbeziehung entstehen wird. Sollte ich das therapieren? Kann ich gerettet werden? Nun, zumindest bin ich jetzt durch mein(e) Hermes Baby etwas versöhnt… Ergänzend kann ich noch anfügen, dass ich meine Freundin dann noch für eine ganze (!) Stunde alleine über den Flohmarkt schlendern liess, derweil ich meinen Schatz nach Hause trug. Danach reichte es sogar noch zum Shopping-Kaffeeklatsch-Freundinnen-Nachmittag. Was für ein schöner Tag! Herzliche Grüsse nach Deutschland ohne weiteren semmeligen Schlusssatz, Frau W.

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