Zug statt Flug

Geplant: Flug nach Hannover. Autofahrt in den Harz. Verlängertes Wochenende zwecks Geburtstagsfeier. Autofahrt zurück nach Hannover. Rückflug nach Zürich.

Umgesetzt: Flug nach Hannover. Autofahrt in den Harz. Verlängertes Wochenende zwecks Geburtstagsfeier. Autofahrt zurück nach Hannover.

Nicht umgesetzt: Rückflug nach Zürich.

Wie jetzt? Meine Sinusitis hat die Nase gestrichen voll vom Hinflug und will nicht mehr zurückfliegen – also fahre ich. Mit dem Zug. Holdrio. Hannover-Zürich. Rund sieben Stunden Zugfahrt, insgesamt fast neun Stunden Reise. So etwas steht nicht gerade zuoberst auf meiner Wunschliste. Aber gut, Gesundheit geht vor, ab in den Zug.

Erst einmal musste ich vom Flughafen Hannover nach der Rückgabe des Mietautos zum Hauptbahnhof Hannover gelangen. Mein Koffer reist zum Glück mit Mann im Flugzeug zurück, es bringt ja herzlich wenig, zwei Leute für notabene je 220 Euro zusätzlich die lange Reise antreten zu lassen. Und so werfe ich mich nur leichtbepackt und alleine ins Vergnügen. Mann bleibt winkend zurück (ok, er winkt eigentlich nie aber die Vorstellung war grad so schön…).

Es folgen zwanzig Minuten im Vorstadtexpress mit einem sehr lustige Zugbegleiter. Hach, nach Zürich müssen Sie? Statt fliegen? Das ist aber weit! Ho-ho-ho. Sein grosser Bauch wackelt beim lachen bedenklich und es folgt eine Geschichte über eine betrunkene junge Frau, welcher von der Airline den Zutritt zum Flugzeug verweigert wurde, welche jedoch die Zugfahrt von derselben Airline bezahlt bekam. Ich bin nicht betrunken, wende ich müde ein und spüre die Blicke der Mitreisenden, ich fliege aus gesundheitlichen Gründen nicht. Aha, so so. Und ich stelle an den Blicken fest – alle glauben mir…

Hannover Hauptbahnhof. Durchsage: Am Bahnsteig vier steht nun der ICE nach Zürich zum einsteigen bereit. Sehr schön. Und die vielen Leute, wollen die alle mit? Als ich die Wagen durchstreife stelle ich fest, dass die vermutlich auch alle eine Reservation haben. Denn die meisten Sitzplätze sind besetzt oder reserviert. Gut habe ich mich für diese lange Reise für die erste Klasse entschieden. Trotzdem werde ich erst an der Zugspitze fündig. In einem Abteil sitzt nur ein gepflegter, älterer Herr mit schneeweißem Haar und Schalk in den Augen – zu dem setze ich mich.

Innert Minuten weiss ich von ihm, dass er an der Nordsee wohnt und an den Bodensee fährt. In Baden-Baden muss er umsteigen, es stehen uns also gut vier Stunden Fahrtgemeinschaft bevor. Also gut. Trotz pulsierendem Kopfschmerz lasse ich mich auf ein Gespräch ein. Seine Freundin ist Tessinerin und ihr Sohn studiert in Basel. Er mag Gotthelf, geht an Stöcken und hat anderthalb Stunden auf seine krümelige Pizza aus dem Bordrestaurant gewartet.

Durchsage: Meine Damen und Herren. Soeben ist unser Eisverkäufer zugestiegen und bedient Sie jetzt am Platz. Na Bravo – ist das mit meiner Diät zu vereinbaren? Aufgrund meines Ausnahmezustandes bin ich (geständigerweise wie schon am Geburtstagsfest…) kurz davor, einen Eisgenuss als diätverträglich durchgehen zu lassen. Die Vernunft siegt aber und ich bestelle bei unserem zuständigen Bordmitarbeiter eine Tomatensuppe.

Eine Stunde später sind wir zu dritt. Und mein Laptop bekommt Gesellschaft. Ansonsten verhält sich die Dame so wie sie aussieht – ruhig. Und sie schreibt und schreibt. Ich tippe auf IT-Fachfrau. Mein Gegenüber liest Zeitung und ich widme mich einem Hörbuch. Die Landschaft zieht deutlich schneller vorbei, als die Zeit vergeht.

Zwei Stunden später begleite ich den netten alten Herrn zum Ausgang und erfahre noch, dass er auf Sylt wohnt, jeden Morgen ein Bad in der Brandung nimmt und seit 50 Jahren ein amputiertes Bein hat. Das alleine ist kein Problem, nein, es ist das andere Knie. Der Mann ist zwölf Stunden unterwegs, muss umsteigen und hat sichtlich Schmerzen. Und doch wirkt er aufrecht, stolz und stark – ich bin wirklich beeindruckt.

Zurück im Abteil sind wir zwei Frauen alleine. Sie tippt und tippt und ich lese, höre mein Hörbuch, trinke, blicke ziellos in die Landschaft. Ab und an taucht einer der Zugbegleiter auf, bietet Schokolade und Erfrischungstücher an oder möchte ganz einfach wegen Personalschichtwechsel den Fahrschein noch einmal sehen. Schön,  mein Ticket sammelt viele bunte Stempel…

Ab Freiburg bin ich alleine im Abteil, nicht einmal die durch den Zug patrouillierenden Zöllner interessieren sich für mich. Die letzte Stunde hängt dann wirklich an. Basel-Zürich. Ich bin müde, kenne die Strecke und sehne mich einfach nur noch nach meinem Schatz, einer Dusche und meinem Bett. Ich weiss nicht mehr wie ich sitzen soll, das Hörspiel langweilt mich und lesen mag ich auch nicht mehr. Nein, ich will jetzt einfach nur nach Hause. Basta.

Kurz nach 20 Uhr ist auch das geschafft. Ich bin gefahren statt geflogen und der Sonntag, der ist gelaufen…

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