Der Schalter

Heute spielen wir etwas mit der Phantasie!

Stell dir einmal vor, du könntest mittels eines Schalters deine unmittelbare Zukunft sehen und entsprechend (mit-)bestimmen. Und das geht so: Du kommst in eine Situation, welche dir aus irgendeinem Grund nicht ganz in den Kram passt, dich verunsichert oder langweilt. Aber du besitzt „den Schalter“. Davon gibt es nur einige wenige Exemplare auf diesem Planeten. Es würde zu weit führen, dir zu erklären, wo der Ursprung des Schalters liegt und es würde dich vermutlich ängstigen – darum lasse ich es sein. Wichtig ist: Du besitzt einen. Mittels Klick auf „den Schalter“ kannst du kurz in die Zukunft blicken und die möglichen Situation betrachten, welche aus deinen verschiedenen Reaktionen entstehen könnten. Entsprechend entscheidest du dich für eine der Varianten.

Kapiert? Also los – wir erleben nun den Start eines ganz normalen „Schalter“-Tages.

Montag Morgen – dein Wecker läutet kurz vor sechs Uhr. Der aktuelle Traum wartet vergeblich auf ein würdiges Ende und entschwindet langsam in der Ferne. Du bist müde, verschlafen und noch überhaupt nicht in der Stimmung, aufzustehen. Doch du weisst, ein strenger Tag wartet auf dich. Sitzung um Sitzung, Mail um Mail, Entscheid um Entscheid. Du weisst, wenn du noch eine oder zwei Stunden liegen bleibst, hast du zuwenig Zeit – für einen menschlichen Badezimmerprozess, für die tagesgerechte Kleiderauswahl, fürs gesunde Frühstück, für einen menschenmassenfreien Arbeitsweg und auch für die nötigen Sitzungsvorbereitungen.

Doch halt – du hast ja „den Schalter“. Mal eben kurz prüfen, ob das liegenbleiben denn wirklich so schlimm wäre.

Klick. Möglichkeit eins bietet sich dar: Du siehst dich um 6 Uhr aufstehen. Badezimmer, Kleiderauswahl, Frühstück, Arbeitsweg – alles perfekt im Timing, keine Störungen… du brichst ab und klickst ein weiteres Mal auf „den Schalter“.

Klick. Möglichkeit zwei flimmert herbei. Du siehst dich noch eine Stunde weiterschlafen und dann aufstehen. Gleichzeitig steht dein Lebenspartner aber auch (übrigens wie geplant) auf und verschwindet im Bad – wo er bekanntlicherweise die Dusche für gefühlte tausend Minuten blockieren wird. Mist. Ohne Dusche geht gar nichts. Mürrisch bereitest du dennoch das Frühstück vor und stellst dich Müsli löffelnd vor den Kleiderschrank. Nein, sich ohne wachmachende Dusche für eine Bluse oder Hose entscheiden zu müssen – das geht gar nicht. Du schlurfst kauend zurück in die Küche und blätterst lustlos in einem herumliegenden Magazin. Müslischale und Kaffeetasse sind schon lange verräumt als das Bad endlich frei wird. Nach einer ungemütlich kurzen Duschaktion läufst du auch noch in eine mittlerweile im Flur stehende Aktentasche und verstauchst dir eine Zehe. Möglicherweise sinds auch zwei. Humpelnd gehts weiter zum Kleiderschrank.

Der geduschte Mann brüllt von irgendwo her „Du bist recht spät dran heute“ und „weisst du wo meine Aktentasche ist?“. Zähneknirschen geht nicht, da die Müslireste dies verhindern. Ah ja, genau. Zähne putzen! Zurück ins Bad. Dann wieder humpelnd und mittlerweile gänzlich unkoordiniert zurück zum Kleiderschrank. Bluse raus. Nein, doch nicht. Hinwerfen, nächste. Auch nicht, auch hinwerfen. Dann halt die. Plus die Hose. Nein, die passt nicht. Hinwerfen. Nächste. Ja, geht. Zwickt aber. Hinwerfen. Nächste. OK. Ähnliches Verfahren bei der Unterwäsche und Schuh-Auswahl. Dort sind die Passendsten aber nicht geputzt – also, die Zweit-Passendsten. Das macht dich unzufrieden, aber du hast wirklich keine Zeit mehr. Der geputzte und gestriegelte Mann behändigt sich seiner Aktentasche, wünscht dir einen schönen Tag, drückt dir einen Kuss auf den Mund und fragt noch erstaunt „warum humpelst du denn?“ und ist weg.

Hektisch suchst du deine Handtasche, Schlüssel, Sonnenbrille, Handy und weiteren wichtigen Kram zusammen. Dann trampelst du  zehenschmerzverdrängend und mit fast schon panischem Blick auf die Uhr die Treppe hinunter. An der Haustüre wirst du von einem Lieferanten mit sperrigem Liefergut erst einmal am verlassen des Hauses gehindert, bis du ihn entnervt anbrüllst und er einen kleinen Durchgang frei schafft, durch den du dich quetschen kannst. In diesem Moment siehst du, wie deine Strassenbahn davonfährt. Eine kleine Ewigkeit später befindest du dich endlich in der aufgrund der Uhrzeit vollgestopften Strassenbahn auf dem Weg zur Arbeit und gehst in Gedanken soweit möglich die erste Sitzung durch, in welche du notgedrungen unvorbereitet gehen musst. Die Verzögerung durch einen Streit zwischen einem Anzugmenschen und einem Bettler an der nächsten Haltestelle lässt du nervös auf die Uhr blickend über dich ergehen. Knapp zwanzig Minuten vor Sitzungsbeginn stürmst du humpelnd (oder eher humpelst du stürmisch) ins Büro.

Der Computer ist noch nicht ganz hochgefahren, kommt der Chef gelaufen und sagt erleichtert: „Ah, Sie sind da – kommen sie doch gleich zu mir, ich möchte die Sitzung noch kurz vorbesprechen“. Verschwitzt und ohne die allenfalls für die Sitzung wichtigen Mails noch lesen zu können versuchst du, innerlich anzukommen und den Erläuterungen deines Chefs zu folgen. Ohne Erfolg. Aber ihm hats gutgetan. Auch gut. Rüber ins Sitzungszimmer und Hände von Leuten schütteln, deren Namen du vor der Sitzung eigentlich noch hattest nachschauen wollen. So bleibt es bei den dir nicht beliebten Floskeln wie „guten Morgen“ und „Hallo, alles klar“ und „Schön Sie wiederzusehen“, dabei hättest du so gerne ein „Herr Müller“ oder „Frau Hugentobler“ hintendrangehängt. Nach der Begrüssung der Sitzungsteilnehmer wendet sich dein Chef an dich und bittet dich, die Dossiers zu verteilen. Alle Blicken richten sich auf dich, denn du hast ausser einem Notizblock und einer Agenda für alle gut sichtbar nichts dabei, schon gar keine Dossiers…

Stopp. DAS kanns ja wohl nicht sein. Bevor du noch weiter auf „den Schalter“ klickst um eine allfällige dritte Variante zu sehen, schwingst du dich flugs aus dem Bett. Dein Lebenspartner schläft noch, es ist ziemlich genau sechs Uhr und du weisst: Die Welt wird die nächsten drei Stunden sowas von in Ordnung sein…