Zahnarzt

Mal ehrlich – wer geht schon gerne zum Zahnarzt. So richtig gerne, meine ich. Ich spreche von Vernügen pur. Jauchzen. Grenzenlose Vorfreude. Nervöses kaum-erwarten-können. Niemand! Nur irgendwelche Menschen mit einer Störung im Oberstübchen. Oder mit Drogen vollgepumpte Gestalten. Hypnotisch ausser Gefecht gesetzte Personen. Oder ganz einfach Masochisten. Oder auch Leute, die sich in ihren Zahnarzt verknallt haben. Alles Spinner!

Ich zumindest gehöre definitiv nicht dazu. Und ich meine damit nicht, dass ich einfach nur ein bisschen Bammel habe. Oder ein unwohles Gefühl. Nein – es bedeutet totale Panik (mit tagelangen Vorläufern), irrationales Verhalten, hysterische Anwandlungen, Fluchtgedanken bis hin zur tatsächlichen Flucht, Heulkrämpfe – ich habe schon alles geboten. Weil – Zahnarzt geht gar nicht.

Aber heute war es wieder einmal soweit. Nach einer langen Schmerzphase aufgrund nicht erkanntem Zahnproblem (nein, es waren halt nun wirklich nicht die Kieferhöhlen und nein, es war auch nicht der für Diagnosen so beliebte Stress) und einer nicht minder üblen aber mit dem heute bevorstehenden Gemetzel verglichen eher harmlosen Untersuchung in der Vorwoche schlug heute die Stunde der Wahrheit.

Meine Taktik, den Termin schlussendlich auch wirklich wahrzunehmen: Allen erzählen. Hey, wie gehts, du am Mittwoch muss ich zum Zahnarzt. Hallo zusammen, mein Name ist Frau W. und ich gehe nächsten Mittwoch zum Zahnarzt. Ich hätte gerne zwei Äpfel und eine Nektarine und ich gehe nächsten Mittwoch zum  Zahnarzt. Hier fünf Hemden für die Wäscherei, ich gehe nächsten Mittwoch zum Zahnarzt und hier noch eine Hose. Kannst du am Mittwoch die Pflanzen giessen, ich muss zum Zahnarzt. Am Mittwoch können wir keine Besprechung abhalten, da muss ich zum Zahnarzt…

Meine Taktik, der bevorstehenden Behandlung den Schrecken zu nehmen: Infos bis zur totalen Überreizung reinziehen. Also ran an Google und Google-Bilder und surfen was das Zeug hergibt. Würg. Schlimmer gehts nimmer. Am schlimmsten und daher ganz oben auf der „Um-Himmels-Willen“-Skala sind die Foren. Kranke Menschen teilen sich anderen kranken Menschen mit und die anderen kranken Menschen beurteilen mit dem ihnen wegen ihrer Krankheit vermeintlich zustehenden Fachwissen die Krankheiten der kranken Menschen. Und richten damit mehr an, als ab. Aber egal. Ein herrliches Tummelfeld für schrecklichste Szenarien. Die Wirkung dieser Taktik besteht tatsächlich in einer aus Überreizung entstehenden Gleichgültigkeit. Naja. So etwas in die Richtung zumindest.

Meine Taktik, den Tag davor und den Tag selber zu überstehen: Sich auf dem Höhepunkt einer Pre-Panikattacke beim Doktor des Vertrauens melden und nach Mitteln zum ausschalten sämtlicher Sinne fragen. Auf dem Höhepunkt einer Pre-Panikattacke ist das besonders eindrucksvoll. Zu sagen ist: Es geht wenn möglich um pflanzliche Mittel, Chemie solls trotzdem nicht sein. Diese Taktik bringt nur schon durch die Tatsache Beruhigung, dass etwas geht. Sobald die Mittel dann da sind, sofortiges studieren der Wirkstoffe und rein damit. Einfach rein damit. Beduselt gehts halt doch etwas besser.

Meine Taktik, den Besuch selber zu überleben: Beduselung hoch halten und bis kurz vorher (ausser ein paar vorsorglich hysterischen SMS) so tun, als ob nichts wäre. Im Tram zum Arzt denken, dass jetzt gleich eine Shoppingtour folgt oder beim Hauseingang so lange auf das Schild der Fussreflexzonenpraxis starren, dass alle inkl. mir selber glauben, dass ich dorthin gehe und nicht in die Zaaaaahnaaaaarztpraxxxxis. Beim eintreten in die Praxis denken, dass man nur die supergute Zahnseide kaufen will und dann gleich wieder geht. Sich im Wartezimmer vorstellen, dass man nur auf einen guten Freund wartet, der nach einer Behandlung abgeholt werden muss. Auf dem Zahnarztstuhl angekommen und das Lätzchen umgehängt ist dann allerdings Schluss.

Meine Taktik, die Behandlung zu überstehen: Dem netten Zahnarzt und der netten aber noch unglaublich jungen Assistentin noch einmal ganz eindrücklich die Panik schildern und was alles passieren kann. Die Blicke ignorieren, die beide einander zuwerfen. Dem netten Zahnarzt mit in den Stuhl verkrampften Fingern zuhören, was er alles machen wird, bis ins Detail nachfragen und sich dann schlussendlich der Situation ergeben. Die Macht der Gedanken voll ausschöpfen, Mantra um Mantra, Phantasievorstellungen mit schönen Plätzen in den Bergen und auf Inseln und schlicht und einfach aushalten. Fakt ist, die Behandlung ist grässlich. Netter Doc und sanfte Methoden hin oder her.

Meine Taktiv, die Zeit danach zu überstehen: Auf dem Heimweg unbedingt noch bei Sprüngli vorbei. Vier Vanille-Luxemburgerli und weisse Schoggi-Truffes. Entlastungs-SMS an alle vorher gequälten Mitwisser. Dann nix wie heim, Süssigkeiten in den Kühlschrank, Schmerzmittel einwerfen, ab ins Bett. Nach Stunden des beduselten vor sich hin Dösens wieder aufstehen, Süssigkeiten reinziehen und das Erlebte mittels aufschreiben verarbeiten.

Zurück bleibt ein pulsierender Zahn, eine angebrochene Packung Schmerzmittel, die Ungewissheit wie lange es noch schmerzt und das Wissen, dass es trotzalledem zu überstehen ist und man das nächste Mal nun wirklich nicht mehr so dumm tun muss…

spruengli

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