Kurven auf Mallorca

Mallorca, Sommer 2009: Hochgepresste Riesenbrüste schreien in viel zu knappen Textilien nach Freiheit, derweil manch unverhüllter, in die Jahre gekommener Bierbauch mit einem verhüllenden Textil besser beraten gewesen wäre.

Echte und unechte Riesenbrüste werden so weit wie möglich nach vorne gereckt, derweil echte Bierbäuche unter höchster Anstrengung so weit wie möglich eingezogen werden.

Gemeinsam ist ihnen das recken nach dem ultimativ bräunenden Sonnenstrahl und ihren Besitzern das streben nach Beachtung – worin ab und an eine körperliche Zusammenführung resultiert. Förderlich hierfür dürfte auch der konsequente Nonstop-Alkoholkonsum sein, welcher einer mehrtägigen Ganzkörpermarinade nahe kommt und aus unerfindlichen Gründen anstrebenswert scheint.

So kriegt manch einer die Kurve wegen überhöhter Lebergeschwindigkeit nicht und kommt vom Pfad ab.

Dies empfiehlt sich einerseits grundsätzlich nicht, andererseits ist dies besonders bei bestimmten Kurven auf Mallorca strikt zu vermeiden. Gemeint sind hier die Serpentinen im wunderschönen Hinterland, die manch partymarinierter Hinterwäldler aber gar nicht erst zu Gesicht bekommt. Hierzu müsste man nämlich a) wissen, dass es nicht nur den 150 x 20m Strand vor dem Hotelbunker und das 365 x 24 Partyleben gibt und b) irgendwann einmal genug nüchtern sein, um sich eines Mietwagens zwecks sich lohnender Hinterlandsbesichtigung behändigen zu können. Dies würde bedingen, das Niveau nicht schon bei der Ferienbuchung oder spätestens am Flughafen abzugeben. Man müsste zudem bereit sein, Valdemossa nicht mit einem hochprozentigen Drink, Soller nicht mit dem braungebrannten Bademeister und Formentor nicht mit einem Medikament gegen Alkoholmissbrauch gleichzusetzen.

Oft soll es aber nicht sein und so pferchen sich die partywilligen Riesenbrüste und Bierbäuche scharenweise an die architektonisch verschandelten Küstenteile, marinieren sich abwechselnd klebrigem Sand und Sangria aus bunten Plastikeimern und geben sich mit der 10 Euro-pro-Tag Liegestuhl-Sonnenschirm-Kombi in Reihe 5 zufrieden. Braungebrannte und braunzubrennende Körper räkeln sich an der Sonne, zucken zu angesagten Partywummern oder räkeln und zucken sich gleichermassen in feucht- und vorgeschwitzten Leintüchern durch die Ferien.

Im besten Fall werden die Ferien als „anspruchslos aber OK“ abgebucht. Im zweitbesten Fall bestehen die Nachwehen in einigen peinlichen Ferienfotos und gebrüsteten Abenteuerberichten. Im schlechtesten Fall enden sie in interkulturellen Geschlechtskrankheiten oder gar in Geburtswehen (was nicht per se schlecht sein muss). Ob das kleine, vaterlos aufwachsende Urlaubsmitbringsel dann herkunftsmässig James, Pablo, Wolfgang oder Sören heissen soll, dass weiss niemand so recht aber Hauptsache der Urlaub auf Mallorca bleibt in guter Erinnerung. Und James, Pablo, Wolfgang und Sören werden glücklicherweise erst viel später realisieren, dass dies eigentlich der Sommer ihrer Zeugung, sprich ihres Lebens war…