Hotel-Haare

Es ist ja nur eine Nacht. Luxus muss nicht sein, Hauptsache sauber. Wir schlafen ja nur dort. Das entstresst enorm. Dann müssen wir nicht mehr fahren. Das waren meine Überlegungen bei der Hotel-Buchung.

Den Überlegungen lag eine Essens-Einladung bei Freunden am schönen Vierwaldstättersee zu Grunde. Vorgeschlagen wurde uns vom Gastgeber himself eine Auswahl von Übernachtungsmöglichkeiten.

Das Gästezimmer wollten wir nicht in Anspruch nehmen, da unser Gastgeber zur Zeit knochenmässig etwas gebrochen drauf ist. Da uns der Grad des Leidens nicht im Detail bekannt war (Gipsbein kann ja weit gefasst werden), wollten wir nicht noch zusätzlich Arbeit machen und entschieden uns zur externen Nächtigung.

Das eine vorgeschlagene, wundervolle, schöne, luxeriöse und in allen Landen bekannte Hotel war zwar auf den ersten Blick verlockend aber a) muss man ja nicht gleich soooo unvernünftig sein und schlussendlich ausschlaggebend für einen negativen Entscheid war b), dass wir uns bei dieser Hotelwahl nach dem geselligen Abend trotzdem noch ins Auto hätten setzen müssen.

Darum fiel die Wahl auf das einfache, nett tönende 3-Sterne Seehotel wenige hundert Meter vom Ort des Gastgeberwohnsitzes entfernt. Ideal. Auto beim Hotel lassen. Rüberlaufen. Zurücktorkeln. Schlafen. Perfekt.

Da die Website zur Zeit nicht in Betrieb ist (nein, das machte mich nicht skeptisch) rief ich an und fragte nach einem freien Zimmer. Ich erfuhr, dass noch ein normales und ein Superior-Zimmer verfügbar seien. Ich buchte das Superior-Zimmer (so ganz kann ich es ja nicht lassen…) und gab meine Koordinaten an. Sofort nach Bekanntgabe meiner Zürcher Adresse (so schien es mir zumindest…) wurde ich noch freundlich darauf hingewiesen, dass sie ein ländliches 3-Sterne-Haus seien und das Hotel nicht sehr luxeriös und auch schon ein bisschen alt wäre. Aber die Superior-Zimmer wären schön gross… Aha, ja gut – alles klar… Da war dann aber noch die Sache mit dem Einchecken….

Frau W.: Bis wann können wir anreisen?
Hotel: Also, einfach im Verlaufe des Tages.
Frau W.: Wir reisen erst am Abend an.
Hotel: Also einfach nicht in der Nacht, wir sind nur ein 3-Sterne Haus, da ist die Reception nicht lange besetzt.
Frau W.: OK – bis wann können wir denn einchecken?
Hotel: Also, tja, lieber nicht zu spät.
Frau W.: Was heisst das – bis wann ist es spätestens möglich?
Hotel: Also, tja, halt lieber früh.
Frau W.: Was heisst früh?
Hotel: Also, manchmal ist ja schon jemand länger da – aber nicht immer.
Frau W.: Aha – bis wann können wir denn bitte einchecken?
Hotel: Also, mh, bis 21h ist sicher jemand da.
Frau W.: OK, dann kommen wir vor unserer Einladung, so um 18 Uhr.
Hotel: Ahhh, das ist gut.

Nach diesem Telefonat ging es schon bald los. Das Hotel lag wie versprochen direkt am See und wir schnappten uns den letzten Hotel-Parkplatz. Direkt nach dem Hoteleingang empfingen uns neben viel Nippes viele dunkle Farben. Dunkle Holzmöbel, dunkle Holztreppe, dunkle Reception, dunkelroter Teppich. Hallo erst mal. Einchecken, Riesenschlüssel entgegennehmen, einen Stock die Treppe mit dem – natürlich dunklen – Teppich hoch. Das Hotel schien vollgestopft mit nützlichen und unnützlichen DIngen – eine ausgesteckte Schuhputzmaschine beeindruckte mich besonders, vielen Pflanzen und vor allem wenig Licht. Die Zeit war hier vor mindestens fünfzig Jahren stehengeblieben.

Warum auch immer eine hohe Schwelle am Eingang des Zimmers zu überwinden war – wir stolperten beide fluchend darüber. Das Zimmer war gross, richtig gross. Und antik, richtig antik. Ein dominanter Geruch nach Mottenkugeln besetzte den Raum. Hellblaufleckiger Teppichboden, alte dunkle und alte mitteldunkle Möbel, ein mittelalterlicher Fernseher und eine Sitzecke, in die man sich aber irgendwie nicht setzen möchte. Immerhin Fenster, drei an der Zahl. Mit direktem Blick auf den grossen Parkplatz. Aber auch auf den See. Hallo See. Und mit Blick  zum Haus unserer Gastgeber, wie wir später herausfanden.

Foto(3)

Ich liebe schöne Dinge und man könnte mich ab und an durchaus mit „Luxustussi“ bezeichnen – aber eine einfache Bleibe ist absolut kein Problem. Echt nicht. Wirklich. Hauptsache sauber. Noch rasch zur Toilette und dann mussten wir auch schon los… Gesagt getan, ab ins Badezimmer. Huch – da liegen ja ein paar Haare in der Ecke. Gleich neben dem gelblich, verblichenen Abfalleimer und rechts von der WC-Rollen-Halterung mit den alten Wasserflecken…. Aha. Hmmm. Nun gut, kann vorkommen…

Nach einem wunderschönen Abend mit gutem Essen und netter Gesellschaft stolperten wir bei der Rückkehr wieder über die Zimmer-Schwelle. Ausziehen, Badezimmer, Bett. So war der Plan. Ausziehen und Badezimmer-Besuch verlief wie vorgesehen. Ab zum Bett. Auf jeder Betthälfte befand sich ein grosses und ein kleines Kissen. Grosses Kissen weg, kleines Kissen hinlegen. Oh, da ist ein Haar. Nicht meine Farbe, nicht meine Länge. Hm. Kissen drehen. Noch ein Haar. Krise schieben. Mann’s Kissen bekommen. Ohne Haar. Bettdecke zurückschlagen und genau betrachten. Noch ein Haar. Geht gar nicht. Kurzes verbales ausflippen. Mann beruhigt, meint es können ja auch Haare des Zimmermädchens sein. Grauenvolle Berichte von unhygienischen Zuständen in Hotels ziehen an meinem inneren Auge vorbei. Im Wissen, dass die Reception nicht mehr besetzt ist und wir für eine Rückfahrt viel zu müde sind, kapituliere ich. Ausnahmsweise. Stell dir vor du bist auf einem Pfadi-Ausflug. Das ist lustig. Gut. Handtuch aufs Kopfkissen und rein ins Bett.

Nach einer unruhigen Nacht, die neben den Gedanken an die Hygiene auch noch geprägt war von betrunkenen Menschen, die sich im Halbstundentakt auf dem grossen Parkplatz direkt vor dem Hotelzimmer tummelten im Wechsel mit einem zufriedenen Schnarchen von der anderen Bettseite kam mein Zustand am nächsten Morgen dem Begriff „gerädert“ sehr nahe. Die Abreise erinnerte dann auch eher an eine träge Flucht. Bloss weg hier.

Einen schönen Abschluss fand der Besuch dann aber doch noch, denn unsere Gastgeber verwöhnten uns mit einem herrlichen Brunch mit Blick auf den See, auf ein Gipsbein, mit Original Swissair Businessclass Besteck – und vor allem mit netten Menschen…

PS. Mensch und Kleider wurden Zuhause einer gründlichen Reinigung unterzogen…

2 thoughts

  1. Es tut mir jaaa so leid. Aber trotzdem Danke dass Ihr euch als Versuchspersonen fuer die Uebernachtung im kleinen Hotel am See zur Verfuegung gestellt habt. Nun wissen wirs, in Zukunft empfehlen wir wo anders!
    Sorry! …;)

  2. Liebste Frau W.

    Du weisst, dass es von mir nur eine Antwort darauf geben kann:

    http://www.camiguin.ph

    Verspreche, dass Du abgesehen von meinem Haaransatz keine fremden Haare in Deiner näheren Umgebung finden wirst und auch die meinen BESTIMMT nicht auf Deinem Kopfkissen…

    Lass mich wissen, wann ihr kommt 😉

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