Häsch mer en Stutz

Immer wieder sprechen sie mich an. Immer wieder sage ich nein. Wende mich ab. Renne innerlich davon. Möchte das nicht sehen. Die unschönen Seiten des Daseins. In Zürich. Und überall auf der Welt.

Diese Situationen beelenden mich. Sie verunsichern mich. Verlebte Menschen mit bedauernswert leerem Blick, halb auf Entzug, Kraft- und Hemmungslos, betteln nach ein paar Münzen. „Häsch mer en Stutz“ ist schon lange Vergangenheit. Heute wird gefragt „Häsch mer echli Münz“ – da springt vielleicht ja mehr als nur „en Stutz“ heraus. Allerdings finden in letzter Zeit auch konkrete Zahlen den Weg ins System: „Häsch mer zwei Stutz“. Oder gar konkrete Zahlen in Verbindung mit konkreten Anliegen: „Häsch mer föif Stutz für de Zug“. Und immer öfter wird wieder gesiezt „Händ Si mir echli Münz“ tönt halt allemal besser, als ein schludriges „Häsch mer…“.

Nun, heute war es wieder einmal soweit. Ich stand an meiner Heim-Tramhaltestelle und wartete. Da sich in diesem Teil der Stadt Menschen in allen möglichen nicht anstrebenswerten Lebenssituationen tummeln, geht es in der Regel nicht lange, bis man in Kontakt kommt. Ich beobachtete, wie der Mann sich von wartendem Mensch zu wartendem Mensch durchfragte. Gebückt. Schlurfend. Illusionslos. Er schien nicht viel zu erwarten, denn er lief eigentlich schon beim Fragen weiter.

Ich überlegte mir, dass ich es dieses Mal nicht bei einem knappen „Nein“ belassen würde. Ich nahm mir vor, ihn zu fragen, für was er das Geld braucht. Blöde Frage, ich weiss – aber ich war neugierig auf die Antwort. Ich bin ein Laie auf diesem Gebiet. Und ich überlegte mir, dass ich ihm – wenn er die Frage erwartungsgemäss mit „Essen kaufen „beantwortet – anbieten würde, ihm ein Sandwich zu kaufen. Nicht als Demonstration meiner Überlegenheit – nein, vielmehr als Beitrag, dass sich dieser Mensch vielleicht ein paar Minuten besser fühlt. Und ich mich auch, weil ich weiss, dass er das Geld nicht direkt in Drogen umsetzt. Obwohl das an sich ja auch wieder naiv ist – denn so fliesst halt der nächste und übernächste Stutz in die Drogen.

Fact ist, dass es diesen Menschen wirklich nicht gut geht. Warum auch immer sie dort gelandet sind, wo sie sind – Fun ist es sicherlich nicht. Es ist nicht toll, Leute um Geld anzubetteln. Es ist nicht toll, in alten, verrissenen Kleidern herumzulaufen. Es ist nicht toll, nur an den nächsten Schuss (oder Schluck, oder wasauchimmer man sich in dieser Richtung noch antun kann) zu denken. Es ist nicht toll, sich in einem Hauseingang ein Schuss zu setzen (wohlgemerkt hält auch mein Hauseingang manchmal dafür hin). Nein, es ist nicht toll – das steht für mich fest. Und diese Menschen unterscheiden sich für mich klar von den gut organisierten Bettel-Banden – welche man wiederum gut an ihrem eigenen Stil erkennt. Und sie unterscheiden sich auch von den Menschen, die bewusst dieses Leben gewählt haben (z.B. aus Rebellion gegen die Gesellschaft, welche man dann aber wieder anbettelt) – die gibt es auch und auch die erkennt man.

Also gut. Da stand er nun. Blickte mich fahrig an und murmelte etwas von Geld. Ich verstand es nicht genau. Ich fragte in Erwartung der für mich eh klaren Antwort „Für was brauchen Sie das Geld denn?“. Er schaute mich erstaunt an und sagte ohne zu zögern „Ich möchte am Bahnhof duschen gehen“. Oh. Ich war perplex. Duschen. Das war ja eine ganz andere Antwort als ich erwartet hatte. Am liebsten hätte ich gesagt „Nein, Sie müssen nach Essen fragen, damit ich ihnen etwas zu Essen kaufen kann und mich danach gut fühle“. Aber ich sagte lediglich „Ok, das ist…äh, gut“ und drückte ihm eine Münze in die Hand. Zwei Franken. Das ist vermutlich viel. Er schaute mich wieder an, erstaunt, dass jemand nachgefragt hat und vielleicht auch erstaunt, dass nicht nur ein abweisendes „Nein“ gekommen war.

Ja, so ist das. Ich weiss nicht, was er mit den zwei Franken macht. Ob er etwas macht, dass in mein „OK“-Raster passt (Duschen gehen, Essen kaufen, Hundefutter besorgen….) oder nicht. Aber eigentlich spielt es auch keine Rolle.

One thought

  1. Dieses „Hesch mer en Stutz“ passiert mir auch sehr oft, manchmal frag ich mich sogar ob man es den Menschen ansieht die Mitleid haben mit diesen Abhängigen.
    Ich geb so gut wie nie Geld aber dafür mal eine Zigarette oder etwas zu Essen, dies aber nur den Abhängigen, mit den Aussteiger kann ich nichts anfangen und mit denen habe ich kein Mitleid.
    Liebe Grüsse

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