Oh Tannenbaum

Da liegen sie wieder. Wie immer, Anfangs Jahr. Tannenbäume. Weihnachtsbäume. Ausgedient, weggeworfen – danke und auf Nimmerwiedersehen.

Auch Frieda liegt da. Neben den Abfallbergen. Ein kleines Stück Lametta glitzert noch zwischen ihren Nadeln, hie und da findet sich noch ein Tröpfchen getrocknetes Wachs und wenn man ganz gut hinhört, tönen noch die letzten Klänge der traditionell vor der Geschenkeschlacht in die Familienrunde geschmetterten Weihnachtslieder aus ihrem Geäst.

Ist es wirklich so traurig, das Weihnachtsbaum-Dasein? Müsste uns nicht ein schlechtes Gewissen plagen? Ein Herz für Weihnachtsbäume? Jeder Weihnachtsbaum zählt?

Blenden wir ein paar Jahre zurück. Frieda, die kleine Tanne, kämpfte sich Zentimeter um Zentimeter hoch, reckte sich der Sonne entgegen, liess Nadel um Nadel sorgfältig wachsen und wurde immer kräftiger, schöner und mächtiger. Sie fühlte sich wohl, in der Gruppe. Baumschule, nannten dies die Menschen, die ab und an vorbeikamen und mit den Händen über ihre Nadeln fuhren und edlen Dünger zu ihren Füssen legten. Diese ist besonders schön, sagten sie, wenn sie bei ihr standen und sie reckte stolz die Äste ‚gen Himmel. Jahre vergingen und Frieda lebte ein friedliches Tannenbaumleben.

Eines Tages, es war schon ordentlich kalt und der erste Schnee stand bevor, waren mehr Menschen da, als sonst. Sie trugen Motorsägen und machten viel Lärm. Frischer Harzduft lag in der Luft und vermischte sich mit dem Benzindampf der Motorsägen, mit welchen die Menschen Baum um Baum absägten. So auch Frieda. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, wurde sie abgesägt. Ihre schönen Äste wurden in ein Netz gezwängt und sie wurde zusammen mit den anderen auf einen Lastwagen gelegt und weggefahren. Von der Aufregung erschöpft schlief sie ein und als sie wieder aufwachte griff gerade eine Hand nach ihr. Das ist ein besonders schönes Exemplar, sagte eine Stimme und die Menschen begutachteten sie von allen Seiten und griffen in ihre Äste. Die nehmen wir, sagte eine sonore Männerstimme und die Kinder jauchzten. Frieda wusste nicht, ob sie auch jauchzen oder eher weinen sollte. Sie wusste gar nicht, was das alles sollte. Aber ihr bliebt keine Zeit, nachzudenken. Schwups, schon wurde sie wieder gepackt und erneut in ein Netz gezwängt.

Nach kurzer Fahrt wurde sie in ein Haus getragen. Dort steckte man ihre Füsse in einen am Boden stehenden Ständer mit Wasser und gierig trank sie ein paar Schluck. Es war warm, in diesem Haus. Wie im Sommer, dachte sie, nur ohne Sonne. Es war ein schönes Haus und die Familie war nett. Aber sie vermisste ihre Tannbaumfreunde und die frische Luft. Und sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Nach einer langen Nacht ohne Schlaf und ein paar kummervollen Tränen spürte sie am nächsten Morgen, das Etwas in der Luft lag. Die Menschen trugen grosse Kisten zu ihr hin und die Kinder flitzten aufgeregt umehr. Hey, was soll das, rief sie irritiert. Doch die Menschen reagierten nicht und beschwerten ihre Äste mit irgendwelchen Dingen. Sie blickte an sich herunter und stellte fest, dass sie immer bunter behängt wurde, mit glitzernden, schönen Kugeln und Figuren und langen glänzenden Streifen. Autsch, das zwickt, brummte sie, als ihr die Menschen auch noch Kerzen auf die Äste klemmten. Aber eigentlich, dachte Frieda, eigentlich sieht das sehr schön aus. Immer noch leicht irritiert aber auch stolz ob des schönen Schmucks schlief sie, nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, zufrieden ein und holte den Schlaf nach, nach welchem sie sich in der Nacht so gesehnt hatte.

Als sie aufwachte war es dunkel und die Menschen standen in schönen Kleidern um sie herum. Zu ihren Füssen lagen viele bunte Geschenke und sie dachte an die vielen Jahre zurück, in welchen immer nur Dünger zu ihren Füssen gelegen hatte. Oder ab und an auch eine kleines Waldtier, welches eine Pause einlegte. Die Kerzen auf ihren Ästen wurden angezündet und ihr wurde ganz warm. Wie schön, dachte sie und fühlte sich einfach nur wohl. Plötzlich drangen seltsame Laute durch den Raum. Die Menschen sangen. So, wie der Mensch in der Baumschule, der ihr jeweils den Dünger zu Füssen legte. Aber irgendwie klang dieses Singen anders. Die Töne waren nicht so schön aber sie bekam trotzdem Gänsehaut, weil die Stimmung so schön war. Ab und an tropfte etwas Wachs auf ihre Äste und sie erschrack jeweils kurz, fand es dann aber gar nicht schlimm, weil sonst alles so schön war. Das ist der schönste Abend in meinem Leben, dachte Frieda zufrieden. Später, als alle Kerzen wieder ausgelöscht waren und sie wieder alleine im dunklen Raum stand, dachte Frieda über das Erlebte nach. Vielleicht, dachte sie, ist das der Sinn meines Lebens. War es das, nachdem sie so lange Jahre gesucht hatte? Die Sehnsucht, die sie gespürt hatte und sich nicht erklären konnte? Frieda fühlte sich von einer inneren Last befreit, ruhig und glücklich.

Die Tage vergingen und der schöne Abend wiederholte sich noch einmal, dieses Mal waren noch viel mehr Menschen im Raum und es wurde länger gesungen. Frieda genoss jede Minute und spürte aber auch, wie sie immer müder wurde. Sie hatte nicht mehr die Kraft, das Wasser aus dem Ständer am Boden bis in die obersten Äste zu pumpen. Tag für Tag schwanden ihre Kräfte und die Äste trockneten langsam aus. Aber sie hatte keine Angst. Denn sie hatte das Glück gefunden. Und wenn ich jetzt gehen muss, dachte Frieda, wenn der Sinn meines Lebens in diesen wenigen wunderschönen Tagen gelegen hat, dann ist das für mich in Ordnung. Und dann schloss sie zufrieden die Augen und schlief ein.

Sie bekam nicht mehr mit, wie die Menschen all den schönen Schmuck von ihren Ästen entfernten und sorgsam in die Kisten zurück legten. Sie bekam auch nicht mehr mit, wie sie nach draussen getragen und neben den Abfall gelegt wurde. Sie schwebte in anderen Sphären und war zufrieden. Da war Licht und Wärme. Und sie traf alle anderen Tannenbäume aus ihrer Baumschule wieder. Sie war glücklich.

Die Frage also, ob ein Weihnachtsbaum-Dasein traurig ist, kann zumindest in diesem Fall getrost mit Nein beantwortet werden. Früher dachte ich, wie sinnlos es doch ist, jahrelang einen Baum wachsen zu lassen, ihn dann brutal zu fällen um ihn für wenige Tage aufzustellen und dann als belanglosen Abfall wieder zu entsorgen. In vielen Jahren gewachsen, in wenigen Tagen zerstört. Aber Frieda hat uns das Gegenteil bewiesen. Frieda war ein glücklicher Weihnachtsbaum. Danke. Ja wirklich, danke Frieda…