Brief an Jess Jochimsen

Lieber Jess Jochimsen

Als uns zu Augen kam, dass du dich für zwei Vorstellungen in Zürich niederlässt, war die Vorfreude gross. Umgehend bestellten wir Tickets und lebten fortan in einem emotionalen Vorfreudenrausch. Dann endlich war der lang ersehnte Tag da und wir pilgerten ins Millers Studio. Vollgepumpt mit Glücksgefühlen und voller Bewunderung lauschte ich deinen Worten, hing förmlich an deinen Lippen, tauchte in deine bunte Wörterwelt ein, deine Botschaften bohrten sich in meine Hirnwindungen und lösten reinstes Entzücken aus.

Und dann, dann der Schlag in die Magengrube. Was sagst du da, meine Güte! Nicht – nein, red nicht weiter. Doch du hast dich dem Thema voll hingegeben, bist darin aufgegangen, hast dich festgebissen. Du hast gesagt Nordic Walking sei kein Sport, sei eigentlich „Gehen am Stock“ und – nein, ich kann nicht alles wiedergeben, der Schmerz sitzt noch so tief.

Wie ein verwundetes Tier bin ich in meinem Stuhl zusammengesunken. Gestern, im Millers Studio. Konnte dem Programm nicht mehr folgen. Hinterfragte mich, mein Leben, mein Sein. Sass auf meinem Stuhl und das Leben hielt einfach an. 47 Minuten, die Zeit wäre da gewesen. Doch ich blieb. Schaffte mich zurück, brachte es fertig, wieder Mut zu fassen. Für dieses Leben. Das Leben als Nordic Walker.

Denn es ist gut. Es ist immerhin Bewegung und man kann schicke Sportkleider tragen. Im Ernst, es hat viele Vorteile, fürwahr. Was bitte unternimmt ein Jogger, der im Wald einem Alien begegnet? Hä? Ich, mit meinen zwei Stöcken, spiesse das Teil einfach auf und die Sache ist gegessen (abgesehen von der glubbriggrünen Masse, die an den Stöcken zurückbleibt). Mit meinen Stöcken kann ich zum Beispiel auch mit geschlossenen Augen dastehen und mir vorstellen, dass ich eigentlich auf der Skipiste stehe und gleich losfahre (das ist ohne Stöcke auch möglich aber fühlt sich nicht gleich gut an). Ich kann, wenn ich in bärenverseuchten Gegenden unterwegs bin, laut mit den Stöcken aufeinanderschlagen und die Bären so vertreiben (echt, die Kenner sagen, Lärm machen hilft). Ich fühle mich gut, mit meinen Stöcken. Und weisst du, Dr. House hätte eigentlich auch zwei, aber der ist tatsächlich mal einem Alien begegnet (was vieles erklärt) und der eine Stock steckt noch da drin, in dem Ding. Echt wahr, kannste mir ruhig glauben.

Und überhaupt – ich fordere dich zu einer Runde Nordic Walking am Zürich-See entlang auf! Und dann, danach, wenn du dich so richtig gut fühlst, Fan geworden bist, diesem Sport den Rest deines Lebens fröhnen willst und mich auf Knien um Verzeihung bittest…. dann kann auch ich diesen schrecklichen Moment, gestern im Millers Studio, vergessen, damit abschliessen und mich auf deine hoffentlich noch in grosser Anzahl kommenden Wortkünste freuen…

Mit kurz verlorener aber rasch wieder zurückgewonnener Nordic-Walking-Lebensfreude grüsst dich herzlich
Frau W.

www.jessjochimsen.de