Superheuler

DSDS. Deutschland sucht den Superheuler. Und den groben Schreibfehler – da steht nämlich versehentlich „Superstar“, statt „Superheuler“- tja, den bemerkt irgendwie niemand.

Zu Besuch bei Freunden kam der Wunsch von zwei heimischen, reizenden jungen Damen (u-10) auf, sich in besagte Sendung eines deutschen Medienmüll-Lieferanten einzuklinken. Gesagt getan, die gesamte Tischbelegschaft verlagerte sich zum Sofa. Während die Erwachsenen primär ihre Gespräche weiterführten und zwischendurch versuchten, die flimmernde Katastrophe zu verstehen, verwandelten sich die beiden Girls in grossäugig-staunende Mini-Groupies mit Experten-Faktor.

Da wäre einmal der nervige Moderator. Redet ohne Ende und wird vermutlich pro Wort bezahlt. Natürlich unter Berücksichtigung der Vertragsklausel, dass maximal ein Fremdwort pro tausend Wörter verwendet werden darf und mindestens 70% der Moderation sich auf einfachste Wortwahl beschränkt. Kombiniert mit einem Jahrmarkts-Singsang und der Mimik eines Gemüseraspel-Verkäufers lässt man den guten Mann dann auf die Fernshenationen los. Wohl bekomm’s.

Die Jury besteht aus einem braungebrannten Testosteron-Hechler und zwei netten, schönen Erdbewohnern mit Wunsch-Schwiegertochter, bzw. Wunsch-Schwiegersohn-Potential. Die Jury hat, so habe ich mir erklären lassen, nichts mehr zu sagen. Sprich, sobald eine Anzahl potentieller Superheuler-Gewinner in die TV-Shows gepfropft wurde, hat die Jury – ausser ein paar laschen Kommentaren – keinen Einfluss mehr. Dann entscheidet das Publikum. Sagt man. Alles ganz sauber, echt!

Die Kandidaten entsprechen den gängigen Casting-Clichés. Man nehme eine Anzahl erfolgshungriger, naiver und emotional unstabiler Seelen mit einem mässigen aber gut vermarktbaren Stimm- und Showpotential. Wichtig: Die Story behind. Sprich, je tragischer die Lebensgeschichte, desto verwertbarer. Lausige Jugend, Gefängnis, Vater-/Mutter-Trauma, Depressionen, jung Eltern geworden, arbeitslos, Migrationsdrama, schwere Krankheit oder Aussenseiter in der Schule. Die Auswahl ist gross und das Land bietet eine grosse Anzahl an Geschöpfen, die am Abgrund standen und im Fokus des Scheinwerferlichtes versuchen, ihr Lebensdrama zu überwinden – ohne sich wirklich damit befassen zu müssen. Schön drüberkleistern, etwas Glitzer und Glamour dazumischen, die seltsam erscheinenden Vertragsklauseln mit Champagner wegspülen und voilà: Fertig ist der Superheuler. Pardon, gespült wird mit Prosecco – den Unterschied merken die ja eh nicht. Noch nicht, zumindest.

Das Publikum ist ein Spiegelbild von Aldi’s Siedlungs- und Hoffnungsgesellschaft. Ich habs nicht geschafft, aber vielleicht schafft’s ja mein Sohn. Drum ziehe ich mir zusammen mit einem Dutzend anderer Sohn-Fans ein lächerliches T-Shirt über, verdrücke ein paar telegene Tränen, fasle unzusammenhängende Peinlichkeiten über meinen Sohn in die Kamera und juble im Studio zusammen mit der potentiellen Sohn-Mieze. Diese wird, nicht hübsch aber quotenwirksam zurechtgemacht, in der vordersten Reihe in Szene gesetzt. Mutti und Vati malen Transparente und Onkel Theobald hilft, die T-Shirts und Fanartikel aus der Druckerei zu holen. Oder beim superfröhlichen Marketingmenschen von besagtem TV-Sender. Denn Fan sein ist kein einfacher Job, da braucht es manchmal etwas Unterstützung. Medienwirksame Groupie-Kultur zu leben ist eine Kunst!

Der eigentliche Inhalt der Sendung könnte locker in 30 Minuten abgehandelt werden, wird aber auf mehrere Stunden mit gespürten tausend Werbeunterbrechungen, Trailern und langatmigen Moderationspassagen gestreckt. Wenn das Elend dann ein Ende hat, bleibt ein tränenreicher Verlierer inkl. enttäuschter Fanschaft zurück und der Rest gibt sich dem Prosecco-und Blitzlichtgetaumel hin. Schön war’s und weiter geht’s. Bis zum bitteren Ende. Das kommt dann leider früher oder später, denn auch der Gewinner wird nach einem kurzen Hype wieder in der Versenkung verschwinden, wird irgendwann nicht mehr von Bohlen umarmt und irgendwann nicht mehr von den Medien wahrgenommen. Dann gehts zurück in den Plattenbau, zu Aldi und Hartz IV. Immerhin bleiben ein paar Erinnerungen und jede Menge Schulden und verlorene Freundschaften – aber schön war’s doch trotzdem, irgendwie…