Miss Müll

Wir schrieben einen ganz normalen Dienstag im März. Als ich nach der Arbeit nach Hause kam, wollte ich noch flugs den Kehricht entsorgen und einkaufen gehen. Wichtig zu wissen ist, dass ich meinen Kehricht in einen Hauskehricht-Container entsorge, welcher in einem geschlossenen Abfallraum steht. Dieser Abfallraum wiederum steht dem ganzen Haus zur Verfügung. So auch dem im Haus ansässigen Fastfood-Unternehmen (das mit dem goldenen M) und dem ebenfalls im Haus ansässigen Kaffeehaus (das mit dem grünen S). Die lieben Fastfooder machen es einem nicht immer einfach. Denn in der Regel ist der Raum mit allem Möglichen und Unmöglichen verstellt, der Boden rutschig und der Hauskehricht-Container in der hintersten Ecke oft gar nicht zugänglich. Es gibt viele Gründe, warum ich dafür sorge, dass meine Abfallraum-Besuche immer sehr kurz sind. An besagtem Tag sollte es anders kommen…

An diesem Tag war der Weg zum Container fast frei – die Sterne standen gut. Nur ein direkt vor dem Container platzierter Paletten-Rolli und ein paar leeren Kartonkisten tummelten sich dort, wo sie nicht hingehörten.  Nun gut – ich mit Schlüssel und Kehrichtsack in der Hand rein in den Raum, kleiner Slalom um die Hindernisse, auf den Rolli draufstehen, mit zwei Fingern der rechten Hand den ekligen Deckel des Containers aufklappen, mit der linken Hand den Kehrichtsack mit Schwung in den Container schwingen ohne mit der Jacke den Container zu berühren. Warum auch immer ich den Schlüssel beim betreten des Raumes nicht wieder in meiner Tasche verstaut habe – er befand sich noch in meiner linken Hand und flog zusammen mit dem Kehrichtsack in hohem Bogen in den Container. Es klimperte irgendwo in den Tiefen des Containers und ich wusste – hey, das wird mühsam…

Nach einem kurzen Moment des ‚die-Tatsachen-verleugnen-wollens‘ stand ich kopfschüttelnd da und lachte. Dann stampfte ich mit dem Fuss auf (das ist extrem entlastend, wirklich). Dann äugte ich in den Container, sah aber ausser ein paar weiteren Kehrichtsäcken nichts. Dann zog ich mein Handy hervor, starrte es an und wartete darauf, dass irgend Etwas passiert. Gibt es denn kein App für eine solche Situation? Soll ich Herrn M. anrufen, damit er in seinem feinen Anzug in den Container klettert, von oben bis unten verschmiert und mit einer Bananenschale auf dem Kopf wieder aus den Tiefen des Containers auftaucht, mir die Schlüssel mit einem liebevollen Lächeln übergibt und sagt: Hier, mein Schatz – für dich tu ich das gerne… Nachdem ich diese Möglichkeit ausgeschlossen hatte, zogen Szenen aus verschiedenen Hollywoodfilmen an meinem inneren Auge vorbei. Penner, die in Kehrichtcontainern wühlten und übel zugerichtete Opfer krimineller Handlungen, die in den Containern zwischen den Kehrichtsäcken ihre fast letzte Ruhe fanden. Ich starrte in den Container und dachte mir: Super, da kannst du jetzt reinklettern. Hämischer Applaus des nicht vorhandenen Publikums klang in meinen Ohren. In solchen Momenten halten sich Kinder die Augen zu oder rufen nach den Eltern.

Da mir beides in diesem Fall nichts gebracht hätte, schritt ich zur Tat. Auf den Zehenspitzen lehnte ich mich über den Containerrand und versuchte, die Kehrichtsäcke rauszuhangeln, um so zum Schlüssel zu kommen. Keine Chance. Ich schaute mich im Raum um. Ein Besen. Gut. In mir erwachte ein kleiner Mc Gyver. Mit der Titelmusik im Ohr hangelte ich mit dem Besen Kehrichtsack um Kehrichtsack aus dem Container und stapelte sie auf dem Boden. Das war echt toll. Ich liebe fremden Kehricht. Und ich liebe den mit undefinierbarem Schmutz bedeckten Innenraum eines Kehricht-Containers. Ich liebte die Vorstellung, wie das alles unter einem Mikroskop aussehen würde. Wir waren alleine, all die ekligen kleinen Ein- und Mehrzeller und ich. Nette Runde. Let’s party…

Schlussendlich war der Container leer, bis auf meinen Schlüssel, der am Boden in einer klebrigen, undefinierbaren Lache lag. Bravo. Sehr schön. Das sind die Momente, die das Leben so richtig perfekt machen. Solche Erfahrungen bringen einem weiter. Das kann man noch im Altersheim erzählen. Das zehrt sich nicht aus. Miss Müll hiess früher Frau W. – wusstest du das?

Mein Schlüssel lag also in der Lache und ich hangelte, über den Containerrand gebeugt, mit dem Besen nach dem Schlüssel. Drückte ihn erst noch tiefer in die Sauce und rutschte ihn schlussendich zur Seite. Dann der Containerwand entlang nach oben. Nach einer kleinen, akrobatischen Einlage griff ich mit spitzen Fingern nach dem Schlüssel. Mhhh, fein. Klebrig kalt.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Alle Kehrichtsäcke wieder rein in den Container, Besen wieder in die Ecke, Schlüssel mit spitzen Fingern wegtragen. Und danach eine sehr ausgiebige Waschaktion. Schön war’s!

2 thoughts

  1. Liebe Frau W.

    Hier heisst der Müll „Basura“. Deiner in den Kehrichtsäcken war ganz klar Non-Degradable, also nicht biologisch abbaubar… ja also das wäre ja noch die Schimmel-Tomate auf dem lampig-schleimigen Blattsalat gewesen, mei Du.

    Ich hätte hier ein Assignment für Dich. Denn hier heissen die Aufgaben oder Aufträge halt eben „Assignments“. Quasi MacGuyver die Fortsetzung (btw: was macht eigentlich Richard Dean Anderson?)…

    Wie wäre es, wenn ich Dir eine philippinische Mobile-Load-Karte im Wert von P500 überreiche (etwa Fr. 12.-), Du bereit bist Dein Mobile zu laden – natürlich mit Rubbel-Aktion & eintippen des ca. 18stelligen-Codes, meinst es bereits getan zu haben, aber abgelenkt wurdest, die Load-Karte anschliessend aber umgehend wegschmeisst, weil Du rumliegenden Müll nicht leiden kannst, eine Stunde später feststellst das Mobile eben NICHT geladen zu haben, dann weiter bemerkst, dass die Bar-Crew ihren Müll gerade zum Küchenmüll gebracht hat (Mülltrennung wird das nächste Mal behandelt…), der gärende Küchenmüll hinterm Haus an der prallen Sonne steht, Handschuhe nicht vorhanden sind und ein Besen hier auch nicht weiterhilft…..

    Genau: GFWM

    Graben, finden, weitermachen, Michèle.

    Alles Liebe und weiter so…..
    Frau H.

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