(K)ein normaler Sonntag

Familie Müller-Gaffi bricht aus. Sie bricht aus ihrem Alltagstrott aus. Und dreht statt der traditionellen Sonntags-Runde durch den Zürcher Zoo ihre Runden neu am Flughafen Zürich und fröhnt dem „Vulkanaschewolke-Leute-Schicksal-gaffen“. Neu, emotional und so wahnsinnig nahe am Leben.

Hauptsache gaffen. Für einmal befinden sich Menschen hinter den Scheiben. Statt Affen. Oder Erdmännchen. Oder dem Elefanten, der immer so traurig guckt.Was wird dieser wohl denken, wenn Klein Kevin-Jonas nicht wie jeden Sonntag um 1o.37 Uhr am Gitter zum Elefantengehege lehnt und „Dreh dich, dicker grauer Mann“ ruft? Wird er noch trauriger gucken? Und was denkt wohl der Pfau, wenn Klein Anna-Rea nicht wie jeden Sonntag um 11.53 Uhr am kleinen Mäuerchen steht und motivierend „Flieg, mein Held, flieg!“ singt und einen lustigen Tanz dazu aufführt? Fliegt er dann aus Trotz wirklich einmal? Was denken all die Stofftierchen im Zooladen, wenn sie nicht von klebrigen kleinen Fingerchen durchgeknetet und ins Regal zurückgestopft werden? Und die nette Frau hinter der Theke wird sich wundern, wo die Famile wohl bleibt, die jeden Sonntag um 12.23 Uhr vier Portionen Pommes, zwei Apfelsaft, ein Mineralwasser ohne Kohlensäure und ein Bier bestellt und sich immer am Tisch ganz vorne am Fenster hinsetzt.

Familie Müller-Gaffi wird davon nichts mitbekommen. Sie werden freudig aufgeregt durch den Flughafen ziehen und gaffen. Klein Kevin-Jonas wird einem Geschäftsmann, der sich in einer Wartezone umständlich quer über ein paar Stühle hingelegt hat „Dreh dich, dicker grauer Mann“ zurufen. Und Klein Anna-Rea wird all die am Boden stehenden Flugzeuge anschauen und beim grössten und schönsten der Flugzeuge „Flieg, mein Held, flieg“ singen und ihrem Tanz noch eine die Aschewolke imitierende Figur hinzufügen. Familie Müller-Gaffi wird sich frisch und lebendig fühlen. Und ein Bisschen International. Und sie wird sich Schicksale zusammenreimen. Während sie im Flughafenrestaurant ihre vier Portionen Pommes verdrücken wird Papa Müller-Gaffi mit hochgezogenen Augenbrauen, erhobenem Finger und gesenkter Stimme die tragischen Geschichten der gestrandeten Reisenden ausweiden, während er einen tiefen Schluck aus der Bierglas nimmt und sich den Schaum mit dem Handrücken vom Mund wischt. Klein Kevin-Jonas und Klein Anna-Rea werden mit hochroten Bäckchen dort sitzen und mit offenen Mündern an den Lippen ihres Vater hängen. Mutter Müller-Gaffi wird ihren Gatten mit einer Mischung von stolzer Ungläubigkeit und neu entflammter Leidenschaft von der Seite her mustern – sie wusste bis anhin nicht, dass er so tolle Geschichten erzählen kann.

Am Kiosk beim Terminal B werden schlussendlich noch die Stofftierchen mit klebrigen Fingerchen durchgeknuscht, bevor Familie Müller-Gaffi mit vielen neuen Eindrücken zufrieden ins sichere Zuhause entschwindet. Noch Jahre später werden sie davon erzählen, wie sie die dramatischen Tage rund um die Aschewolke erlebt haben. Wie nahe sie dran waren. Wow. Das ist es, das Leben!