Gleichgeschlechterk(r)ampf

Vor vielen Jahren, es muss ungefähr 1989 gewesen sein, legten die Frauen am 14. Juni ihre Arbeit nieder und strömten mit violetten Luftballons in der Hand und violetten Schals um den Hals auf die Strasse. Das war gut, denn so wurde es im Büro schön ruhig und ich konnte weiterarbeiten. Ein paar Jahre später wurde ich bei der Arbeit etwas widerstrebend in die damalige Gleichstellungskommission berufen, um die Gilde der Marketingmenschen im Gremium zu vertreten. Das war vermutlich nicht so gut, denn ich blieb nur eine Sitzung lang dabei, in der ich wohl die falsche Frage stellte: Warum ist denn hier kein Mann dabei…? Nochmals ein paar Jahre später schrieb ich um des Friedens Willen und etwas resigniert: „Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Oder „Liebe MitarbeiterInnen“. Oder „Liebe Mitarbeitende“. Das war auch nicht gut, denn die Texte wurden schier unlesbar. Weitere Jahre später wurde es mir zu blöd und ich benutzte fortan „Liebes Team“. Oder „Liebe Alle“. Oder „Liebe Frieda, Liebe Annagret, Lieber Hubertus, Lieber Fridolin“. Die Erde drehte sich weiter – was ich durchaus als gutes Zeichen wertete. Der gleichgeschlechtlichgerechte Drill meiner sozialkorrekten Arbeitsumwelt hinterliess also deutliche Spuren und das Fettnäpfchenvermeidverhalten pendelte sich langsam ein. Ich wurde immer geschickter im umschiffen gefährlichster Bezeichnungen, welche einem ansonsten böse Blicke in der Kantine und vorwurfsvolle Mails einbringen konnten. Im besten Fall.

Und irgendwann, irgendwann wurde es mir zu blöd. Vor kurzem habe ich nach langen Jahren mein erstes Papier verfasst, in welchem ich nur „Der Stelleninhaber“ und „der Projektleiter“ aufführte. Ohne „Innen“. Ich fühlte mich befreit und gut. Der Text war lesbar und das machte mich glücklich. Ja, glücklich. Von wegen schlechtes Gefühl. Oder Ausgrenzung. Oder unfaire Behandlung. Nein – im Gegenteil. Endlich wieder normal schreiben. Liebe Leser, das fühlte sich gut an. Und es ist zeitgemäss. Und authentischer. Und ehrlicher. Welche Frau hat es denn bitte heute noch nötig, sich über ein „Innen“ zu identifizieren und die Wertschätzung der Frauenwelt über solche Bezeichnungen zu definieren? Legt die Waffen nieder, wir haben doch andere Sorgen.

Gut, die Stadt Bern anscheinend nicht. Denn sie hat soeben einen geschlechterneutralen „Sprachleitfaden“ erarbeitet. Das irritiert mich zugegebenermassen. Die Tatsache an sich, genauer gesagt. Der „Anfängerkurs“ heisst neu „Einstiegskurs“ und das „Mitarbeitergespräch“ neu „Beurteilungsgespräch“. Und als Zückerchen nennt die Stadt Bern ihre „Fussgängerstreifen“ neu „Zebrastreifen“.  Bezeichnungen zu ändern ist manchmal durchaus angebracht. Aber müsste dann nicht auch ein gewisser Sinn dahiner stecken? Denn ich meine zu wissen, dass weder Fussgänger noch Zebras in der Regel gelb sind. Höchstens mal blau. Möglicherweise liegt da des Pudels Kern…

One thought

  1. Du hast so recht! Ich habe mich mit dem „I“ und dergleichen auch nie anfreunden können. Mit Frauengesprächskreisen übrigens auch nicht…:-)

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