Tramfreuden

Der Tram-Sommer war hart. Lange und hart. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Zürich verwandelten sich in stinkende Saunen – wenn man nicht das Glück hatte, ein klimatisiertes Tram zu erwischen. Doch auch das war nur die halbe Miete – dann auch dort stank es. Nun wird es wieder kühler und man könnte aufatmen – doch der Marsch Richtung Herbst macht das Tramfahren nicht automatisch zum Vergnügen.

Für die ultimative Nervenprobe gibt es ab und an eine zwirblig-freche Kinderhortklasse mit überforderten Lehrerinnen oder als höchstes der Gefühle ein Pulk pupertierender Jugendlicher mit „ey-Krass-Mann-ja-eh-Mann-wasch’los“-Unterhaltung. Nicht zu unterschätzen sind auch wandernde Senioren, die einem ihren Rucksack mit dem Edelweisemblem drauf ins Gesicht drücken und sich dermassen über die Zustände im Tram aufregen, dass die Gefahr eines sofortigen Herztodes besteht – und das direkt neben mir. Nein danke. Dann vielleicht doch lieber die Unterhaltungen, in welchen teils sehr private Probleme breit geschlagen werden. Hören will ich das eigentlich nicht. Aber wenn wir gerade dabei sind, mich nähme es schon Wunder, ob dieser seltsame Nachbar (der mit den geschlossenen Fensterläden und ohne Stopp-Werbung-Kleber auf dem Briefkasten) tatsächlich verhaftet wurde, weil er das Meerschweinchen der Müllers mit einem Katapult in die Dachrinne befördert hat. Oder so ähnlich. Ein Highlight sind schlussendlich die Mütter und Väter mit den riesigen modernen Kinderwagen Typ „kleine Einzimmerwohnung“. Fehlt nur noch Küche und Bad. Kinderwagen – insbesondere zu den Stosszeiten – sind ein heikles Thema in Zürich. Die Stadt spaltet sich in zwei Lager – ich für mich habe mir in dieser Sache meine Meinung gebildet.

Auch so eine Geschichte ist es mit dem idealen Sitzplatz. Einzelplätze sind beliebt und entsprechend umkämpft. Manch Ellenbogen wird ausgefahren, um einen dieser Plätze zu erhaschen. Es gibt Leute, die hechten ohne Rücksicht auf Verluste regelrecht auf einen freien Einzelplatz, um danach unbeteiligt und unschuldig aus dem Fenster zu schauen und die schmerzverzogenen Gesichter der gerammten Mitpassagiere zu ignorieren. Das ist mir zu blöd – aber auch ich habe meine Lieblingsplätze. Anstelle des Volkssports „Rammen“ setze ich allerdings auf Strategie. Mit der Zeit hat man ja auch raus, wo man beim jeweiligen Tramtyp an der Haltestelle stehen muss, um seinen Idealplatz zu erwischen. Und mit der Zeit sieht man den Leuten beim einfahren des Trams durch die Scheibe hindurch auch an, ob sie langsam aussteigen werden oder nicht. Man lernt sozusagen „Tram-Lesen“. Blitzschnell kann man mit der Zeit kombinieren, welche Türe die bessere ist. Sie finden das lächerlich? Weit gefehlt. Pardon – immerhin geht es nicht nur um ein, zwei Stationen sondern gleich um deren vierzehn – da lohnt sich ein Bisschen Strategie schon, um auf seinem Lieblingsplätzchen möglichst ungestört durch die Stadt zu tuckern…