Social-Media-Typologie frei nach Frau W.

Die Anfänger
Melden sich in der Social-Media-Welt mit Aussagen wie „Bin neu hier, wie läuft das eigentlich so?“ oder „Bin neu hier und freue mich auf netten Austausch“ oder mit noch Schlimmerem. Manche kriegen die Kurve innert kurzer Zeit und entwickeln sogar ihren eigenen Stil.  Andere bewegen sich hilflos kopierend in den Weiten der Social-Media-Welt oder verabschieden sich genau so schnell wieder kopfschüttelnd – irgendwie verstehen sie diese Welt einfach nicht.

Die Politisischen
Die Weltschmerzer: Begehren ob lokalpolitischer Themen so massiv auf, als ob es Mubarak zu stürzen oder einen Atomkrieg zu verhindern gelte.  Dabei geht es in der Regel um Tempo 30 Zonen, die Farbe der Abfallmarken oder die komunale Regelung zum zurückschneiden von Gartenhecken in Wohngebieten. Egal – sie laufen kommunikativ zu Höchstformen auf und erwarten streitsüchtig Kontras oder aber Zustimmung und Schulterklopfen für ihre Heldentaten.
Die Durchblicker: Sie befassen sich mit Themen, welche oft einen Grossteil der Bevölkerung betreffen. National und International.  Von der Entwicklung von Aids und die politischen Unruhen in der arabischen Welt über das Ausländerstimmrecht und das Verhalten von Menschen bei Massenpaniken bis hin zu den Gefahren des Teilchenbeschleunigers bei Cern und den Verschwörungstheorien von 9/11. Im Wissen, die grösseren Zusammenhänge des politischen und gesellschaftlichen Geschehens zu kennen, begehren sie moderat aber gezielt auf. Ein Schuss, ein Treffer. Kommentare unerwünscht.

Die Frager
Die Opfer-Frager: Brüllen ihren Schmerz in Form von Fragen in die Social-Media-Welt hinaus. Warum nur ist der Gummi geplatzt? Wie können Sportler so unfair sein und sich dopen? Wie bekomme ich den Fleck von meiner Lieblingskravatte? Warum grüsst mich der Kollege nach dem One-Night-Stand nicht mehr? Warum sind die Reichen so reich? Sie erwarten nicht wirklich Antworten. Die kommen dann aber doch. Und dies meist in Form von Salz in die Wunden. Erneute, schmerztriefende Fragen sind die Folge.
Die Unterton-Frager: Teilen einem durch Fragen mit, was sie von etwas denken. Sie sind schlau, gehen äusserst taktisch vor und verlieren nicht gerne. Ihre Fragen sind Statements und eigentlich gar keine Fragen. Sie sind Wissende –  wehe ein Unwissender wagt es, ihre Fragen zu kommentieren. Diese Kommentare werden durch erneute Fragen in der Luft zerrissen. Im Minimum mit einem verbalen linken Haken.

Die „i-am-at“-Mitteiler
Teilen in hoher Frequenz oft mehrmals am Tag mit, wo sie sich befinden. Ob im Zug, am Arbeitsplatz, in der Buchhandlung vor dem Regal mit den Gartenbüchern oder bei McDonalds. Natürlich zeitgleich auf Facebook und Twitter – alle Zielgruppen müssen ja schliesslich erreicht werden. Die Freundes- und Follower-Welt erfährt also, wo sie sich um welche Zeit befinden. Die Beweggründe bleiben (wohl besser) im Dunkeln.

Die Wortspieler
Sind der deutschen Sprache (über-)mächtig und nutzen dies gnadenlos aus. Sie verhunzen Statusmeldungen oder Tweets, nehmen Phrasen auseinander und stellen den oft unfreiwillig hilflosen Umgang mit der deutschen Sprache mit leicht spöttischem Unterton bloss. Sie stehen eigentlich über dem banalen Socia-Media-Treiben, lassen sich aber gerne kurzzeitig auf dieses Niveau herunter um dem Pöbel zu zeigen, wie es eigentlich geht.

Die Image-Pfleger
Lassen mal eben ohne wirklichen Grund eine verrückte, emotionale, ironische, wirre, tiefgründige, oberflächliche oder im Minimum äusserst coole Aussage fallen – welche jedoch in verschiedenem Ausmass an der generellen oder kurzzeitig geistigen  Zurechnungsfähigkeit zweifeln lässt. Alles ist aber wohl dosiert und gut berechnet. Die Aussage ist pure Strategie, jedes Wort erfüllt eine Mission und trägt zum Aufbau, bzw. zur Pflege des gewünschten Images bei.

Die Geretteten
Finden sich selber situativ in bekannten oder wahlweise unbekannten Sprichworten wieder. Von „Carpe diem“ bis „Der Krieg ist gewonnen aber nicht der Frieden“ oder „Das Leben hat soviel Sinn, wie wir ihm zu geben vermögen“. Sie zitieren mit leicht erhobenem Finger und der klaren Botschaft, dass alle Lesenden gerettet werden können, die dieses Sprichwort auch wirklich verstehen. So wie sie, die Wissenden, die bereits Geretteten.

to be continued…