Frau W. joggt

Wer viel Zeit hat, kommt auf komische Ideen. Und weil ich Ferien habe, habe ich viel Zeit. Um auf so seltsame Gedanken wie „Frau W. geht jetzt joggen“ zu kommen. Bin ich denn von allen guten Geistern verlassen? Ich war noch nie eine Läuferin. Im Herzen bin ich eine Bikerin. Ich sitze lieber. Egal, wie anstrengend das ist. Spinning, Mountainbiken – alles super. Aber Laufen?

Nun, ich bin zwar für meinen (das-ist-eine-lange-Geschichte-und-die-erzähl-ich-hier-jetzt-nicht) persönlichen Wiederaufbau auf eine Kombi von Spinning-light und Nordic Walking umgestiegen. Aber Nordic Walking macht eigentlich nur in den Bergen Spass. Hier in der Stadt macht das definitiv keinen Spass. Da ist man sowas wie eine Aussätzige. Das ist schlimmer, als mit einem Offroader vor einem Kindergarten vorbeizubrausen, mit offenem Fenster Techno zu hören und den Zigarettenstummel direkt auf den Pausenapfel von irgend einem unschuldigen Kind zu schnippeln. Ihhh, guck mal, eine mit Stöcken. Ja klar, und mein Rollator steht um die Ecke. Kann mir ja eigentlich egal sein, was die Leute denken. Aber irgendwie – na, es passt einfach nicht. Und so habe ich mich entschlossen, in der Stadt zu joggen und in den Bergen zu walken. Faire Aufteilung.

Also gut. In einem Anfall von Euphorie hatte ich mir früher einmal so ein Super-Trainings-Analyse-Motivations-Teil gekauft. My Coach nennt sich das Ding. Zeichnet das Training auf und gibt seinen Senf dazu. Das Ding kann man dann mit dem Computer synchronisieren und alle Trainings bis ins Detail analysieren lassen. Das Ding merkt sogar, bei welchem Kilomenter man gepupst hat. Und so habe ich das Ding heute wieder in Betrieb genommen. Bedienungsanleitung? Wer braucht denn sowas. Bisschen rumdrücken, App runterladen, Website aufdatieren – los gehts.

Ich wusste, dass es ein Kampf werden würde. Ich wusste aber nicht, dass ich gleich einen zweifachen Kampf auszustehen hatte. Einen gegen mich. Und einen gegen die Technik. Erst einmal aber freute ich mich darüber, dass meine hellblaue Jacke zu meinen hellblauen Schuhen und dem hellblauen Haargummi passte. Wenn schon, denn schon. Das Ding nahm es gelassen zur Kenntnis.

Ich aktivierte das App, drückte auf dem Ding rum, stöpselte die Ohrhöhrer ein und lief los. Wie joggt man eigentlich? Wie rollt man die Füsse ab? Wie schnell muss ich laufen? Wie schone ich die Knie und den Rücken am Besten? Atme ich durch den Mund oder die Nase? Wie verhindere ich Seitenstechen? Oh Mann!

Ich trabte ziemlich langsam vor mich hin und dachte bereits nach wenigen Metern, dass ich jetzt sofort sterben würde. Oder vorne bei der Brücke – spätestens! Da riss mich eine sonore Stimme aus meinem vermeintlichen, kurz bevorstehenden Ableben. „Freies Training“. Aha. Logisch, danke auch für den Hinweis – wollte ja auch kein Programmtraining. Ich keuchte und versuchte durch die Nase ein und durch den Mund auszuatmen.  Meine Beine und meine Lunge verbündeten sich und meldeten Notstand. Herrje, dabei war ich doch gar noch nicht so weit gelaufen. „Freies Training“. Der Typ nervte. Ich wechselte in rasches Gehen und drückte auf dem Ding rum. „Training gestoppt“. Nein! Drück-drück. „Freies Training“. Ah, gut. Ich trabte wieder an, dankbar für die kurze Pause und visierte den Waldrand an. Bis dort schaffe ich es – ich schaffe es! Die Zunge fühlte sich trocken an und meine Beine schwer. Die Lunge pfiff vor sich hin. „Freies Training“. Du blöder Sack du, halt deine Klappe! Der machte mich echt wahnsinning. Nicht, dass ich schon genug mit mir zu kämpfen hatte – nein, dieser Typ zerrte auch noch an meinen Nerven. Am Waldrand angekommen und nach noch mindestens zweimal „Freies Training“ inklusive innerlichen Fluchtiraden und schlussendlichem herausreissen der Ohrhörer liess ich mich schnaubend auf einer Bank nieder.

Bis ich wieder bei Atem war, hatte ich dem Typen den Garaus gemacht. Dafür musste ich das Training abbrechen und wieder neu starten. Egal, Hauptsache ich hatte ihm den Mund gestopft. Blöder Sack, der. Ich startete also wieder und er blieb stumm. Fast vermisste ich ihn ein Bisschen, denn neben der Musik war das keuchen, schnauben und schnaufen fast etwas langweillig. Ich sagte laut „Freies Training“ und äffte seine Stimme nach. Ein älterer Mann mit Hund drehte sich leicht verstört um und ich grinste ihn freundlich an.

Wieder zu Hause angekommen setzte ich mich verschwitzt wie ich war an den Computer und synchronisierte das Ding. Durchschnittliche Geschwindigkeit, Höhenmeter, Trainingszonen, GPS-Route – aha, aha.

Was soll ich sagen, es war eine Qual. Aber danach, danach hat es sich gut angefühlt. So gut, dass ich gleich morgen wieder laufen werde. Freies Training – aber ohne Typ im Ohr!