Frau W. fährt Zug

München – Zürich. Ich sitze im Zug. Das ist selten, kommt aber vor.  Viereinhalb lange Stunden liegen vor mir.  Da wir das Seminar in München früher als geplant abgeschlossen haben, befinde ich mich früher auf dem Rückweg und habe keinen reservierten Sitzplatz. Macht nichts, ist sicher kein Problem am Mittag. Weit gefehlt. Der Zug quillt über.

Ich durchstreife Wagen um Wagen und treffe fast nur auf reservierte oder besetzte Sitzplätze. Fast am Zugsende sitzt ein Mann alleine in einem Viererabteil. Ob hier noch frei ist, frage ich ihn. Ja, meint er, wenn mir der Hund nichts ausmache. Hund? Tatsächlich beäugt mich nun ein grosser Hund, der unter dem Tisch liegt. Kein Problem, meine ich leicht geqäult lächelnd und versuche, ohne Kollisionen auf meinen Platz zu rutschen und meine Beine irgendwie neben dem Hund unterzubringen. Es fehlt ganz einfach an besseren Optionen. Wenn ich jedoch in dieser Sitzhaltung bis Zürich fahren muss, fallen mir die Beine ab – davon bin ich überzeugt.

Hinter mir kreischt ein auf den Polstersitzen hüpfendes Kind. Rechts von mir sitzen zwei japanische Touristinnen, welche sich sehr laut und sehr schnell unterhalten.

Der Hund zu meinen Füssen himmelt mich an. OK, ich esse ein Sandwich aber er mag mich bestimmt auch sonst – oder?

Das Kind im Abteil hinter mir schaut mir über die Sitzlehne direkt auf den Bildschirm. Und beobachtet im Wechsel den Hund. Dabei gibt es seltsame Laute von sich, die mich zu einem meiner berühmten Killerblicke veranlassen. Richtung Kind. Nicht Richtung Bildschirm. Und nicht Richtung Hund. Das Kind zeigt sich gänzlich unbeeindruckt.

In der Zwischenzeit ist ein freundlicher Zugbegleiter bei uns angekommen und kontrolliert die Tickets.

Der Familie mit dem Lärm-und-Glotz-Kind wird erklärt, dass sie nur ein Ticket für die zweite Klasse haben und bitte wechseln sollen. Innerlich juble ich ein bisschen. Äusserlich bleibe ich cool. Man soll sich nicht über des anderen Leid freuen.

Inzwischen werden Zeitungen verteilt. Das kennen wir in der Schweiz nicht. Ich stelle fest, dass die Papierausgabe der Sueddeutschen Zeitung Ausmasse einer Picknickdecke hat. Sehr praktisch zu lesen im Zug. Wirklich.

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Wir fahren weg von München und die Handyverbindung und damit mein Hotspot sterben langsam.  Ich kann total wichtige Kommentare auf Facebook nicht mehr kommentieren.

Es geht übers Land. Wiesen. Felder. Wälder. Schön.

Ich fahre übrigens rückwärts. Wird mir schlecht? Ich weiss es nicht. Ich vermute nein.

Die beiden japanischen Touristinnen klammern sich an ihre grossen Koffer, die im Durchgang stehen. Meine Damen, wenn die Minibar (ein kleiner Wagen mit überteuerten Snacks und Getränken. Anm. der Red.) nicht durchkommt und ich keinen Kaffee bekomme dann rauschts aber. Ey.

Der Hund liegt jetzt auf meinen Füssen. Das gibt schön warm und das ist gut so. Denn die Klimaanlage kühlt obwohl sie rein subjektiv betrachtet gar nicht kühlen sollte.

Die Fahrt dauert noch vier Stunden.

Kann man sich auf iTunes eigentlich einen gemieteten Film anschauen ohne Internet-Verbindung? Das gehört bestimmt zu den tausend Dingen, die man wissen sollte. Ist doch peinlich, wenn ich es versuche und es geht gar nicht. Wobei mir das Kind ja nicht mehr in den Bildschirm glotzt.

Der Hund lehnt sich inzwischen sitzend an meine Beine. Wir sind jetzt Freunde. Der Hund ist eigentlich eine Hündin und heisst Lea. Gestern litt sie unter Durchfall und Erbrechen. Da ist eine reizende Information, welche mich entspannt dasitzen lässt. Immerhin, sie hat Spritzen erhalten. Ob das bei einem Virus hilft? Virus? Ich atme nun etwas flacher.

Der Hundebesitzer ist tendenziell ü60 und tippt auf einem weissen iPhone. Dabei grinst er. Ich bin der Meinung, dass er ein schwarzes iPhone besitzen sollte. Typgerechte iPhones finde ich ja total wichtig.

Ich würde jetzt gerne meine Beine ausstrecken. Doch Lea wird das nicht gefallen. Dann kotzt sie mir auf meine Adidas und ich auf den Hund und der Hundebesitzer auf den Nebensitz und die beiden japanischen Touristinen sich gegenseitig…. ihr kennt das.

Die Fahrt dauert noch drei Stunden.

Die japanischen Touristinnen schiessen gegenseitig Polaroid-Fotos. Ja, Polaroid. Und wie wir früher wedeln sie das Foto durch die Luft in der Hoffnung, dass das Bild schneller sichtbar wird. Ich kichere.

Wir fahren über ein riesiges Feld. Mitten im Feld steht ein grosser Baum. Ich frage ich, wie es dem wohl geht, so alleine auf dem grossen Feld. Sind Bäume nicht Rudelpflanzen? Vermutlich geht es ihm gut, sonst würde er ja nicht mehr dastehen.

Hey, Zugfahren ist inspirierend. Ich denke über Bäume nach, freue mich über einen Hund auf meinen Füssen und lerne japanisch.

Die Fahrt dauert noch zweieinhalb Stunden.

Lea hat gepupst. Ein trauriger Moment. Der Hundebesitzer grinst entschuldigend und rümpft die Nase. Ich auch. Und wie.

Der Zug hält mitten auf der Strecke. Dies ist ein ausserplanmässiger Halt, so die Information. Bitte verlassen sie den Zug nicht. Ich würde aber nichts lieber als das tun.

In der Sueddeutschen lese ich einen Artikel über den Tierpark Hagenbeck in Hamburg. Und über die RAF-Ausstellung in Stuttgart. Ich ziehe unaufgefordert Parallelen.

Der Hundebesitzer muss aufs Klo und redet auf Lea ein. Platz und Bleib. Lea guckt misstrauisch. Ich auch. Der Mann läuft den Gang runter und Lea ihm nach. Nach ungefähr einem Meter hält sie an. Unfreiwillig. Die Hundeleine stoppt sie. Ich wusste es. Nun nutzt sie die Gelegenheit und schüttelt sich ausgiebig. Die beiden japanischen Touristinnen drücken sich ängstlich in ihre Sitze. Ihhh, Hundehaare. Ob sie Atemschutzmasken zücken werden?

Die Fahrt dauert noch zwei Stunden.

Ich will nicht mehr sitzen und ich will nicht mehr in diesem Zug sein. Ich habe den Zugkoller. Nach zweieinhalb Stunden. Hängt mir ein Anfänger-Schild um. Mir doch egal.

Ein Blick auf das Handy zeigt, dass wir  immer noch die empfangslose Einöde durchfahren.

Wiesen. Felder. Wälder.

Seufz.

Ah. Lindau. Die heile Welt am Bodensee. Wie schon bei der Hinfahrt stehen hier jede Menge Rentner und Fahrradfahrer am See. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Am Bahnhof in Lindau wechselt die Lok und der Zug seine Fahrtrichtung. Männer jeglichen Alters strömen nach vorne und schauen dem Lok-Andockmanöver interessiert zu. Sie fotografieren diesen unglaublich spannenden Vorgang sogar. Direkt vor meinem Fenster. Ah, da ist sogar ein junger Mann mit einer Videokamera. Hey Baby, möchtest du meine Lokandockfilme sehen?

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Und damit es nicht langweillig wird, hat Lea schon wieder gepupst. Dabei habe sie ja einen leeren Magen, sagt der Hundebesitzer. Ich bin besorgt.

Ich fahre nun vorwärts und wir sind quasi aufgestiegen. Vom Zugsende zum Zugsanfang. Ich könnte das thematisch jetzt aufgreifen und eine Brücke ins Geschäftsleben schlagen, tu ich aber nicht.

Wir fahren am See entlang und die japanischen Touristinnen fotografieren ihn. Auch auf meiner Seite. In ihrer Heimat werden sie dann wohl gefragt, was das für eine seltsame Frau ist, die da nicht aus dem Zugsfenster schaut sondern wie wild auf ihrer Tastatur rumtippt. Keine Ahnung, werden sie sagen, aber die hat dauernd gepupst. So schnell wird man falsch verdächtigt.

Wo ist eigentlich die Minibar? Wir sind doch nun wieder in der Schweiz. Ich will einen Kaffee. Jetzt. Hall0?

Die japanischen Touristinnen fotografieren den Bodensee. Schon wieder. Mehrmals. Ich kann das ja verstehen. Ist ja auch schön, ein grauer See mit riesigen Haufen von Schwemmholz am Ufer und grauem Himmel im Hintergrund.

Der Hundebesitzer seufzt. Nicht wegen der japanischen Touristinnen. Sondern wegen dem langsamen Zug. Wir haben nämlich schon wieder angehalten, mitten auf der Strecke. Das sei seine schlimmste Zugfahrt, die er bis jetzt von München nach Zürich erlebt habe. Meine auch, auch wenn es meine erste ist.

Ha! Wir sind gar noch nicht in der Schweiz. Bregenz. Fragt nicht. Ich war in Geografie nie schlecht. Aber ich kenne das hier nur vom Auto aus.

Aber jetzt. Schweiz! Hurra.

Noch eine Stunde.

Soweit die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Es gibt keine Minibar.

Ich überlasse mein Gepäck den Augen des Hundebesitzers und kämpfe mich durch volle Wagen mit sehr lustigen Leuten bis zum Speisewagen vor. Verkneift euch eure Sprüche. Ich bin nicht betrunken, ich wiederhole – ich bin nicht betrunken. Ich bin es bloss nicht gewohnt, im fahrenden Zug gerade zu laufen. Ey.

Kaffee! Nach vier Stunden. Köstlich. Sogar Zug-Kaffee. Einfach nur köstlich.

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Die Japanerinnen ziehen schon mal ihre Jacken an. Wir sind jetzt in Wil und quasi schon fast in Zürich. Immer gut, wenn man genug früh bereit ist.

Lea liegt matt am Boden. Ich würde mich am liebsten dazulegen.

So. Winterthur. Ich spüre die Heimat näherkommen.

Bald schon sind wir in Zürich und ich verlasse die wenigen Quadratmeter, die mich die letzten viereinhalb Stunden beherbergt haben.Der Hundebesitzer, Lea und ich verabschieden uns herzlich. Immerhin.

Vergessen werde ich diese Reise nicht. Wiederholen aber auch nicht.

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