Im Schlamm

Freitag. Mein Tagesprogramm beinhaltet einen beruflichen Besuch am Openair St. Gallen. Gut ausgerüstet mache ich mich am Mittag auf den Weg. Dunkle Wolken türmen sich am Himmel, zwischendurch kämpft sich ein einzelner Sonnenstrahl seinen Weg durch die Wolkenberge. Ich werte das als gute Entwicklung, zumal es die letzten Tage teils intensiv geregnet hat und das Gelände mehrheitlich aus Schlamm bestehen soll. Auf der grossen Parkplatzwiese höre ich mein Auto bei jedem Schlagloch und bei jeder Wasserlache etwas seufzen und irgendwie seufzt es auch in meinem Inneren. Wie schön wäre es jetzt doch, am Bürotisch zu sitzen. Obwohl, so ein bisschen kribbelige Freude kommt schon durch, vor allem auch auf den Besuch bei meinem Team.

Endlich sitze ich im Shuttle-Bus. Es gibt sogar Sitze, die nicht mit Schlamm vollgekleckert sind – ich staune. Die Fahrt dauert eine gefühlte Ewigkeit und ich höre mir eine unglaublich gehaltvolle Unterhaltung einer Gruppe junger, angeheiterter Männer zum Balzverhalten an Openairs an. Ihr Anführer sitzt breitbeinig auf einem Campingstuhl (ja, im Bus) und hält Hof. Dabei erfährt man – he’s the one. Er weiss, wie’s geht, was geht und wo’s geht. Einen kurzen Moment befürchte ich, dass der junge Mann auch nüchtern so ist. Mitleidig betrachte ich ihn und meine kummergefurchte Stirn scheint ihn zu iritieren, wenn auch nur für einen sehr kurzen Moment.

Der Bus spuckt uns vor dem Openairgelände aus und der Strom bunter junger Menschen zieht mich mit Richtung Eingang. „Bist du auch Helferin?“ fragt ein sehr junger Mann mit glasigen Augen und läuft im Gleichschritt neben mir her. „Nein, du?“ frage ich. „Ja. Also, nein – also schon. Es ist kompliziert. Aber irgendwie ja.“ nuschelt er. „Aha.“ sage ich und nicke wissend. „Also wenn du Hilfe brauchst, kann ich dir helfen – egal um was es geht.“  Seine Kollegen hinter uns grölen. Der Bub könnte locker mein Sohn sein. „Du kannst mir zeigen, wo ich einchecken muss und wie das funktioniert“ sage ich zu ihm und deute auf das Armband mit dem Chip. „Weisst du nicht, wie das geht?“ sagt er mit vielsagendem Blick zu seinen Kollegen. „Nein aber du zeigst mir ja alles – bist ja ein flotter Helfer“ sage ich und das Gegröle hinter uns steigt an. Beim Eingang zeigt er mir unter Applaus seiner Truppe, wie das Check-in funktioniert, dann verlieren wir uns im Getümmel aus den Augen.

Der Schlamm erwartet mich. Er mustert mich, versucht mich ins Rutschen zu bringen und lacht meinen unsicheren Gang aus. Schlamm ist überall. Am Boden, an den Openairständen, an den Menschen – überall. Bleibst du einen Moment stehen, möchte er deinen Gummistiefel behalten. Es blubbert und flutscht. Der Schlamm ist der König hier.

Neben meinem Team besuche ich alle möglichen Stände, frage mich neugierig durch das Gelände und versinke an einem Kaffeestand nicht nur im Schlamm, sondern auch in meinen Mails. Nach rund drei Stunden trete ich den Rückzug an. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte und das reicht vollkommen. Inzwischen strömen immer mehr Menschen auf das Gelände. Wer jetzt von hier weg will, muss gegen den Strom ankämpfen. Wie ein junges Reh schlängle ich mich durch die Massen. Ungläubige Blicke mustern mich. Wer verlässt denn jetzt schon das Openair – jetzt fängts doch erst richtig an. Genau, ihr jungen Dinger. So ist es. Feiert ihr mal schön, ich für meinen Teil freue mich auf einen ruhigen Abend mit trockenen und warmen Füssen.

IMG_1595

IMG_1610

IMG_1596

IMG_1612

IMG_1613

IMG_1621