Nicht ohne meinen Helm

Ohne meinen Helm fahre ich nicht Fahrrad. Keinen Helm zu tragen halte ich für kurzsichtig, bequem und töricht. Soweit gleich zu Beginn mein klares Statement.

Das Thema Fahrradhelm wird kontrovers diskutiert. So wie früher bei der Einführung der Motorrad-Helmtragepflicht oder bei der Anschnallpflicht im Auto brandet hier eine Welle der Emotionen durch die Lager der Befürworter und der Gegner. Gemäss Wikipedia wurde die Helmpflicht beim Motorrad 1978 in Deutschland und 1981 in der Schweiz eingeführt, die Gurtentragepflicht beim Auto stufenweise ab 1976. Mittlerweile ist das normal. Viele der Fahrradhelm-Gegner sind ganz selbstverständlich damit aufgewachsen und kommen vermutlich äusserst selten auf die Idee, ohne Helm aufs Motorrad zu sitzen oder unangegurtet Auto zu fahren. Beim Skifahren gibt es immer weniger Freizeitsportler ohne Helm. Auch beim Riverrafting oder Reiten ist der Helm selbstverständlich. Bei sportlichen Aktivitäten mit dem Rennrad oder Mountainbike steht der Helm ebenfalls nicht zur Diskussion. Bloss beim Freizeit-Fahrradfahren scheiden sich die Geister. Freizeitfahrten für zum Beispiel Einkäufe oder Treffen mit Freunden, kurze Wege oder der Weg zur Arbeit/Schule werden von vielen Menschen augenscheinlich anders eingestuft. Das Risiko wird nicht erkannt.

Ich frage mich, was daran ungefährlicher sein soll. Oder wie geringer denn das Risiko und die Verletzungsfolgen tatsächlich sind. Sie können nicht so viel weniger schlimm sein, als dass es sich rechtfertigt, keinen Helm zu tragen. Wie bitte? Bei einem Unfall ohne Helm kann man doch sein Joghurt schon nach drei Jahren Reha wieder selber löffeln – was soll also die Aufregung? Na prima.

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Auf die vielen seltsamen Argumente wie «ein Helm ist unbequem», «meine Frisur ist dann ruiniert», «mit Helm sehe ich schrecklich aus», «meine Freiheit ist mit Helm eingeschränkt» oder «ich passe mein Fahrverhalten ja entsprechend an» gehe ich an dieser Stelle nicht ein – die Energie für diese Ebene der Diskussion spare ich mir gerne. Es gibt übrigens sehr viele verschiedene und durchaus auch modische Fahrradhelme. Hier empfehle ich unter anderem die Seiten von Veloplus oder von Nutcase.

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Ein oft gehörtes Argument möchte ich jedoch aufgreifen. Es ist mir im Rahmen eines Artikels und den zugehörigen Kommentaren von Spiegel Online «Der Fahrradhelm wird überschätzt» erneut aufgefallen. Dort wird aufgeführt, dass z.B. in Dänemark niemand einen Helm trägt und trotzdem nur ganz wenig passiert. Geht man dann aber der Situation in Dänemark auf den Grund, verpufft das so hochgejubelte Argument gleich wieder. Denn in Dänemark sind Fahrradfahrer gleichberechtigte Teilnehmer des Verkehrs.  Alle nehmen aufeinander Rücksicht, denken mit, fahren mit- und nicht gegeneinander. Es gibt ein sehr gut ausgebautes Fahrradwegnetz und das Fahrradfahren ist auf allen politischen Ebenen gut abgestützt. Schwenken wir zurück in die Schweiz und nach Deutschland und fragen uns: Ist das hier auch so? Nein, ist es meiner Meinung nach nicht. Autofahrer und Fahrradfahrer sind hier keine Einheit, jeder muss auf sich selber aufpassen. Autofahrer empfinden so manchen Fahrradstreifen und vor allem die Stadtvelofahrer als Zumutung, Fahrradfahrer finden Autofahrer wiederum per se eine Zumutung und alle anderen Verkehrsteilnehmer schlängeln sich um Schadensbegrenzung bemüht ihren Weg durch die aufeinander schimpfende Horde.

Ich habe keine Ambitionen, jemanden zum Helmtragen zu überreden. Denn das hilft nicht. Ich finde die Haltung der Helmgegner zwar wirklich töricht, verurteile die Menschen dahinter aber nicht. Jeder ist für sich selber verantwortlich. Und jeder muss für sich selber zum Schluss kommen, dass ein Helm tatsächlich schützt und eine gute Sache ist. Eine Helmpflicht fürs Fahrrad halte ich für einen möglichen Weg. Aber ich nerve mich darüber, dass man Geld in Kampagnen für etwas stecken muss, was eigentlich so einfach wäre. Ich plädiere dafür, für sich selber und seine Kinder Verantwortung zu übernehmen und den Helm ganz einfach in den Alltag zu integrieren. Wie der Helm auf dem Motorrad oder das anschnallen im Auto. Aufs Fahrrad zu sitzen ist nicht der richtige Moment für Bequemlichkeit. Es ist niemandem zu wünschen, selber oder im Umfeld die Erfahrung der Unfallfolgen ohne Helm zu machen. Aber oft ist man ja leider erst im Nachhinein klüger. Falls das Gehirn dann dazu noch in der Lage ist.

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Die Anzahl Kopfverletzungen mit und ohne Todesfolge scheint zu klein zu sein, um dem Thema das nötige Gewicht zu geben. Da wird mit Statistiken gewunken und akribisch nachgewiesen, welche Verletzungen mit einem Helm auch gar nicht zu verhindern sind. Dabei wäre das gar nicht nötig. Ich bin mir bewusst, dass ich mit dem Helm ganz viele Verletzungen bei einem Sturz nicht verhindern kann. Aber ich verhindere oder mindere Kopfverletzungen. Es liegt doch auf der Hand, dass zwischen einem Sturz auf eine Randsteinkante mit und ohne Helm Welten liegen. Die harte Schale des Helms verteilt die Kraft des Aufpralls und mindert damit die Härte. Was durchaus das Schlimmste verhindern kann. Hierzu empfehle ich einen älteren Artikel aus der «Zeit online» mit dem vielsagenden Titel «Kaputt ist Kaputt» wo wunderschön beschrieben ist, was mit einem Schädel alles so passieren kann.

Ein Helm ist natürlich kein Freipass für unangepasstes Fahren. Er verhindert nur das Schlimmste und schütz nicht vor weiteren Verletzungen. Natürlich ist es auch wichtig, einen guten Helm auszuwählen und diesen dann richtig zu tragen. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu bietet zum Thema übrigens umfassende Informationen an – ich empfehle, sich für das Schmöckern auf der Website ein paar Minuten Zeit zu nehmen.

Wenn ich also als Fahrradfahrer die Möglichkeit habe, einen Teil des kalkulierbaren Risikos in Eigenverantwortung zu mindern – warum soll ich so blöd sein und das nicht tun?

25 thoughts

  1. Also ich skate, radle und laufe Schlittschuh ohne Helm. Einfach so. Für alles was ich so mache gilt: no Risk, no Fun ! Das bedeutet nicht, dass ich ein Hasardeur oder so bin – ich benehme mich nicht wie ein Irrer. Beim Tauchen bin ich sehr sicherheitsbewusst, Motorrad fahre ich natürlich mit Helm und fast immer in voller Ausrüstung (da ich mit der Enduro Ausflüge ins Gelände nicht lassen kann musste ich schon das eine oder andere mal „absteigen“ zum Glück bisher nur Rippenbrüche :-), aber im Sommer fahre ich in Jeans und Shirt (mit Helm) zur Arbeit – es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, bei nichts … und Spaß ist manchmal mit etwas Risiko verbunden, bei mir zumindest. Sollte das radeln jemals mit Helmpflicht verbunden sein, dann ist für mich die Zeit gekommen aufs Rad zu verzichten. Eins noch, ich fahre nicht sonderlich viel Rad. Wenn, dann fahre ich nur die Weinberge (gemäßigt) runter, um mich aus rein sportlichen Gründen nach oben zu quälen. Das Ganze wiederhole ich dann je nach sportlichem Eifer. Radtouren mach so gesehen ja gar keine. Fazit – ich denke nicht das ich blöd bin, sondern wäge Risiken einfach nach persönlicher Einschätzung ab, fertig.

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    1. No risk, no fun? Soso 😉 Ich habe auch mit Helm ziemlich viel Fun und Risk ist immer noch genug da… Wie du sagst, die hunderprotzentige Sicherheit gibt es nicht. Bei persönlichen Einschätzungen neigt man ja übrigens gerne dazu, sich diese Einschätzung schön zurecht zu idealisieren… Da nehme ich mich nicht aus 🙂

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    2. Geht mir genauso. Bei Einführung der Fahrrad-Helmpflicht verzichte ich auf das Radfahren. Das ist eine Einschränkung meiner persönlichen Freiheit.

      Mich stört nur immer wieder der Ton, mit dem wir mit unserer Meinung als ‚Hasardeure‘ hingestellt werden. Als Tauchlehrer habe ich unter anderem Rettungstaucher bzw. Divemaster ausgebildet und absolvierte +/- 800 Tauchgänge. Ich denke, ich kenne den Umgang mit Selbstverantwortung und Risiko – sonst wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Beim Motocross-Fahren trage ich auch Protektoren, Helm und Handschuhe. Ich würde auch bei einer Radtour auf dem Rennrad einen Helm tragen.

      Wenn jemand ohne Helm beim Fahrradfahren Angst hat, denn respektiere ich das. Es muss jeder für sich herausfinden, wie er einen annehmbaren Grad von persönlichem Sicherheitsgefühl erreicht. Wir sind alle verschieden. Aber bitte, schliesst nicht von euch auf andere. Wir haben nur ein unterschiedliches Bedürfnis nach Sicherheit. Das hat nichts mit Unwissen, Leichtsinn oder Sorglosigkeit zu tun.

      Wir haben alle unseren Spass am Fahrrrad – mit oder ohne Helm.

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      1. Du schusterst dir aber auch deine eigene kleine Werte-Welt zusammen;-) Beim Tauchen und Motorrad findest du Sicherheit OK, beim Fahrrad ist es eine Einschränkung der persönlichen Freiheit… ? Dünkt mich etwas selektiv aber so ist jede/r unterschiedlich und schlussendlich für sich selber verantwortlich. Wie auch immer – ich bleibe bei meiner Meinung, werde sie weiterhin so klar äussern und gestehe dir wiederum aber deine zu – alles easy 😉

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      2. Ich sehe das auch ganz entspannt. Jeder sollte selbst entscheiden welchen Weg er in diesen Fragen für sich einschlagen will. Schlimm ist aber, wenn diese Dinge wie z.B. Radeln mit Helm gesetzlich geregelt werden. Frei nach dem alten Fritz „soll jeder nach seiner Facon selig werden“.

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  2. ich bin gegen (fast) alles was Pflicht ist und für alles was Sinn macht. Das wiederum sieht jeder anders. Mir würde nie in den Sinn kommen ohne Helm, Motorradkleidung und Handschuhe Motorrad zu fahren. Ich mache nicht mal bei 35 Grad eine Ausnahme bei den Handschuhen.

    Aber Velo fahre ich ohne Helm, herrlich wenn der Wind durchs Haar fegt.

    Manchmal frage ich mich, wenn ich auf der Landstrasse eine Horde Rennvelo-Fahrer überhole (natürlich im Pulk, nicht nacheinander) ob der Helm das einzig sinnvolle ist. Sie fahren, ohne Haut und Gelenke vor Stürzen zu schützen, und das nicht gerade langsam.

    Bei meinem einzigen Mountainbike Unfall hab ich mich übrigens überschlagen, Schulter verletzt und die Hand wurde von Velo-Handschuhen geschützt. Die trage ich immer, weil die Griffe sonst so drücken 😉

    PS: Und im Gegensatz zu Motorradhelmen frag ich mich, ob so ein Velohelm eigentlich vor herabfallenden Ziegelsteinen schützen soll, oder warum ist der nur oben dicht?

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    1. Wie im Blogpost erwähnt – der Helm mindert ein Teilrisiko im Kopfbereich und verhindert keine weiteren Verletzungen. Wenn ich aber die Wahl habe (und die habe ich natürlich bevorzugterweise auch „frei“), entscheide ich mich für diese Möglichkeit. Bei meinem einten Mountainbike-Unfall bin ich mit dem Kopf gegen einen Holzzaun geschleudert worden. Keine Ahnung, was ohne Helm passiert wäre. Der Rücken war ämel hinüber, da hilft auch kein Helm. Man kann das Risiko nie verhindern aber mindern. Das ist vermutlich der Punkt, den ich bei den Helmgegnern nie begreifen werde. Aber easy, jede/r so wie er/sie will 🙂 Gute Fahrt weiterhin! PS. Hey, wir könnten statt Kaffee trinken ja mal biken gehen… 🙂

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  3. Der Artikel klingt wie eine bezahlte Werbeeinschaltung. Freundlich Angst erzeugen und mir ein schlechtes Gewissen machen, wenn ich keine Styropor-Schüssel am Kopf trage.
    Mich stört immer dieser ‚erhobene Zeigefinger‘ bei solchen Artikeln. Ist ja schön, dass ihr euch mit Helm sicherer fühlt. Aber zieht mich da nicht mit hinein. Ich habe keine Angst.

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    1. Ich zitiere aus meinem Blogpost: «Ich habe keine Ambitionen, jemanden zum Helmtragen zu überreden. Denn das hilft nicht. Ich finde die Haltung der Helmgegner zwar wirklich töricht, verurteile die Menschen dahinter aber nicht. Jeder ist für sich selber verantwortlich.» Du siehst einen vermeintlichen Mahnfinger, witterst Werbeeinschaltungen, vermutest Angstmanagement – vergiss es. Wenn du so in Resonanz kommst, ist dir das Thema nicht ganz egal. Augen zuhalten hilft übrigens nicht. 😉 Weiterhin gute Fahrt!

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      1. Ich zitiere aus deinem Blogpost: „Wenn ich also als Fahrradfahrer die Möglichkeit habe, einen Teil des kalkulierbaren Risikos in Eigenverantwortung zu mindern – warum soll ich so blöd sein und das nicht tun?“.
        Das bedeutet für mich, dass du mich für blöd hältst. Bin ich aber nicht 😉

        Ich wehre mich nur gegen ein überreglementiertes, kommerzialisiertes Leben. Der Velohelm ist für mich eine Grenze, die ich für mich ziehe. Wir könnten uns noch gegen unzählige andere Gefahren schützen: Helme für Kinder zu Hause, Sicherheitsgurte im Tram, Handschuhe beim Kochen… Aber irgendwann besteht das Leben nur mehr aus Angst. Die Angst vor dem Leben. Und mit dieser Angst machen Konzerne Geschäfte. Dagegen wehre ich mich.

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      2. Aber nein, ich halte doch nicht DICH für blöd, sondern die Einstellung. Ist ein Unterschied von mindestens drölfzig Respektprozenten 😉 Es ist ja auch dein gutes Recht, diese Grenze zu ziehen. Das muss wie gesagt jede/r für sich wissen. Ich halte es persönlich für den falschen Moment, bzw. das falsche Themengebiet, dich gegen die böse Überreglementierung und den noch viel böseren Kommerz zu wehren – aber hey, dein Leben, dein Kopf. Mein Blog, meine Meinung 😉

        Wünsche allzeit gute und unfallfreie Fahrt weiterhin!

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    2. nie ohne helm, vor allem der strassenverkehr ist ja unglaublich gefährlich. mit dem bike im gelände ist es dagegen ja richtig gehend harmlos.
      apropos styropor-schüssel, vermutlich schon lang keinen helm mehr gesehen. sind ja besser belüftet, als die alten velomützen und schützen so vortrefflich auch vor der sonne.

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      1. In einem sogenannt gefährlichen Verkehrsumfeld kann alles gut gehen, im ungefährlich scheinenden Verkehrsumfeld kann alles schief gehen. Wenns knallt, dann knallts. Und dann mindere ich persönlich mein Risiko mit einem Helm. Tut nicht weh, lässt genug Freiheit… und oh ja, die neuen Modelle sind super belüftet 😉

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      2. Eine reizende Vorstellung 😉 Mit Helm natürlich. #chchch
        PS. Bin im Sommer vermutlich wieder mit dem Bike auf meiner #Tweloreise durch die Schweiz unterwegs, vielleicht liegt dieses Jura ja auf dem Weg…

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    1. Gäng sövu 😉

      Genau diese kleine Wahrscheinlichkeit dünkt es mich übrigens wert zu sein, einen Helm zu tragen. Schlussendlich muss es aber jede/r selber wissen.

      Der TED-Beitrag ist wie fast jeder TED-Beitrag very nice – Argumente finden sich auf allen Ebenen und für jede Meinung genügend, wie ich bei den Recherchen für diesen Blogpost festgestellt habe 😉

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