Check-out bei Foursquare

Am Anfang fand ich Foursquare lustig. Dann fand ich es unter anderem im Hinblick auf das Stalking-Phänomen mühsam. Und pünktlich zum «jetzt habe ich eigentlich überhaupt keine Lust mehr» macht mir Foursquare den Ausstieg mit einem Strategiewechsel noch leichter. Doch von Anfang an…

Das 2009 ins Leben gerufene «Foursquare» ist ein auf standortbezogene Dienste fokussiertes soziales Netzwerk. Man checkt dank GPS-Ortung beim aktuellen Standort ein und teilt diese Information mit seinen Foursquare-Freunden oder über andere Plattformen. Man sammelt bei den Check-ins verschiedene Abzeichen und bei diversen Anbietern erhält man beim Check-in Vergünstigungen oder z.B. ein kostenloses Getränk. Die Locations kann man bewerten. Mit der höchsten Anzahl Check-ins an einem Ort über einen gewissen Zeitraum kann man sich als «Mayor» positionieren. Die Gamification lässt grüssen. Man kann sich zudem Listen mit z.B. seinen Lieblings-Orten oder für Reisen zusammenstellen und diese dann weiter empfehlen.

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Nachdem das Unternehmen weniger stark wächst, als von den Kapitalgebern erhofft, kündigt Foursquare einen Strategiewechsel und damit einen Splitt in zwei verschiedene Apps an – neu hinzu kommt eine Swarm-App. Damit folgt Foursquare einem Trend. Immer mehr Anbieter erkennen, dass die User aufgrund der Überfrachtung der Apps nur noch Teile des Angebotes nutzen. So hat Facebook zum Beispiel den Messenger abgesplittet und Apple löst iTunesRadio aus der Musik-App.

Was bedeuten die Änderungen für die User? Nun, die neue Swarm-App führt Daten aus den Profilen der Nutzer und deren Freunden zusammen und ermittelt den Standort automatisch und in Echtzeit.  App-Nutzer erhalten eine Push-Benachrichtigung, wenn ein «Freund» sich in der Nähe aufhält. «Ambient Location Sharing» nennt sich dieser Graus der Datenschützer. Mein Graus ist das auch, denn oft checke ich erst ein, wenn ich eine Location verlasse. Ja, ich möchte den Zeitpunkt, wann ich was über mich öffentlich mache, selber bestimmen. Immerhin bin ich meinem ehrenhaften Vorsatz treu geblieben, nur dort einzuchecken, wo ich auch tatsächlich war.

Was ändert sich noch? Die Mayor-Funktion gibt  es neu nur noch innerhalb des eigenen «Freundeskreises» und nicht mehr in der ganzen Community. Das fand ich eigentlich ganz lustig. Apropos lustig – neue Witze könnten mit «Treffen sich fünf Mayors im St. Oberholz…»  beginnen…. Die Foursquare-App konzentriert sich derweil primär auf Empfehlungen von Locations.

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Man mag vom Strategiewechsel und den damit verbundenen Änderungen halten was man will. Die Community schreit ja eh bei jeder Änderung auf, gewöhnt sich dran und stürzt sich auf das nächste Thema.  Soweit alles wie immer.

Doch ich halte inne. Nicht nur aufgrund der angekündigten Änderungen. Nach drei Tagen re:publica mit vielen Denkanstössen zum Thema Überwachung bin ich (endlich?) nachdenklich geworden. Der kleine Snowden in mir ist sozusagen aufgewacht. Erst jetzt? Ja, erst jetzt. Zumindest so, dass ich mir konkrete Gedanken dazu mache und nicht mehr alles total unproblematisch finde wie bisher. Manchmal braucht es viele kleine Puzzlesteinchen und die re:publica war ein wichtiges Steinchen für mich.

Das bedeutet nicht, dass ich gleich mein gesamtes Social Media-Verhalten auf den Kopf stelle. Aber die eine oder andere Verhaltensänderung wird bestimmt die Folge sein. Bisher vertrat ich die Meinung, dass alle sehen dürfen, wann und wo ich was mit wem unternehme und meinetwegen auch, was ich dabei oder darüber denke. Doch nun frage ich mich…. was geschieht mit den Daten? Was geben die vielen Informationen für ein Gesamtbild ab? Man kann ohne meine Zustimmung damit ein Verhaltensprofil von mir erstellen, welches mir vielleicht gar nicht entspricht oder mir gar schadet. Wer hat und wird in Zukunft darauf Zugriff haben? Bezahlen wir in Zukunft gar Krankenkassenprämien aufgrund solcher Daten (gesundes/ungesundes Verhalten) – abwegig ist das nicht.

Ja, wir bewegen uns auf den Social Media-Plattformen mehr oder weniger in der Öffentlichkeit. Jede/r kann sich darüber informieren, dass ich gerade im Café sitze und blogge. Aber nur, weil ich es zulasse. Weil es mir bis anhin egal war. Weil es authentisch ist. Und weil es innert Minuten eigentlich auch schon wieder aus dem Fokus der Follower und Freunde verschwindet. Theoretisch.

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Kommen wir auf den Anfang des Blogposts und den angekündigten Ausstieg bei Foursquare zurück. Es sind Bemerkungen wie «Ah, du warst ja in Berlin dreimal im St. Oberholz» und «Komm wir gehen in die Bar Basso, da bist du doch gemäss Foursquare so oft» oder «Im Kino warst du ja schon lange nicht mehr, habe ich gesehen». Es ist das «zufällige» Auftauchen von Menschen, die ich zwar durchaus mag aber selber entscheiden will, wann und wo ich sie treffe. Es ist das Gefühl noch viel gläserner zu sein als ich es auf Twitter je sein werde. Auch dort kann man meinen Weg durch den Tag zumindest teilweise nachvollziehen. Aber nie so konkret wie bei Foursquare. Nein, mir passt das nicht mehr.

Ich verabschiede mich also hiermit von der aktiven Foursquare-Nutzung und winke allen meinen Foursquare-Freunden noch einmal virtuell zu. Ich bleibe aber angemeldet, denn ich will wissen, was passiert. Und ich werde die Entwicklung nur schon aus beruflichem Interesse weiterverfolgen. Und mit diesem Hintergrund werde ich evtl. auch das eine oder andere Mal einchecken (oder wie auch immer das künftig abläuft).

Und nun: *Check-out*
Thank you and good bye.

 

12 thoughts

  1. Recht hast du. Überall einchecken ist einerseits ein grösserer Aufwand und anderseits kann ja dann öffentlich nachverfolgt werden wer wie wann was und vorallem wo gemacht hat. Einige wollen/brauchen das. Denke aber ein vernünftiger Mittelweg muss sich jeder selber suchen.
    Mich stört ja die Auftrennung ein wenig. Erst in meinen Ferien in Kopenhagen anfangs Mai habe ich die 4sq-App richtig ausgenutzt mit Suchen von Lokalen zum Essen und Sein.

    1. Genau dieses noch öffentlicher sein als ich es eh schon über Twitter, Facebook, Insta, Vine & Co bin hat mich immer mehr gestört. Und gewisse Reaktionen auf einige Check-ins auch, on- und offline. Mit der neuen Aufteilung und dem Hintergrund der totalen Gläsernheit war für mich die Zeit für den Ausstieg einfach reif. Cool ist die Sache immer noch für genau solche Tipps, wie du sie in Kopenhagen genutzt hast. Ich bin gespannt, wie es sich mit dem Split weiterentwickelt – ich bleibe ja mit einem (dem geschäftlichen) Bein noch drin und beobachte die Entwicklung…

  2. Pingback: WELS #05 - Migu
  3. Foursquare nutzte ich rund 4 Jahre. Der Nutzen: Ich sah jeweils, wie viele Gleichgesinnte im gleichen Raum waren. Ausserdem konnte ich sehen, wo andere sich Zeiten befanden bzw. sehen lassen wollten und mich dort registrieren, wo ich selbst gesehen werden wollte. Das ist durchaus interessant. Zum Beispiel für spontane Treffen oder um Freunde über eine Location oder einen Event zu informieren oder sich einfach mal wieder sehen lassen ;). Für diesen Zweck werde ich mich wahrscheinlich mal bei der Swarm App registrieren. Doch habe ich auch schon schlicht vergessen einzuloggen, weil ich gleich zu Beginn eines Events in Gespräche vertieft war. Konsequenzen: keine. Deshalb eilt mir das nicht.

    Für Werbung und Kommunikation kann Foursquare – je nach Zielgruppe – interessant sein. Für Unternehmen, die nationale Zielgruppen im Visier haben, ist sie immer noch nicht im Visier. Foursquare kam in der Schweiz bisher nicht zum Fliegen. Viel weiter als in die „leicht erweiterten Social-Medianer-Kreise“ hat es Foursquare bei den Benutzern hierzulande m.E. nicht gebracht. Als Beraterin ist mir wichtig, zu wissen, wie eine Plattform funktioniert und wer sie wann wo wie nutzt – ich muss ja nicht alle extensiv pflegen. 😉

    Aus diesen Gründen greife ich – bis auf Weiteres – immer seltener auf Foursquare zu.

    Dir Bettina, herzlichen Dank für deine Gedanken zu dieser Plattform.

    1. Danke für deine Sicht zu Foursquare. In der Tat gibt es viele gute Aspekte – die negativen Seiten haben für mich aber mittlerweile überwogen. Das berufliche Interesse bleibt bestehen und ich werde die Entwicklung weiterverfolgen. Ich kann dir aber sagen: Es fühlt sich im Moment total entspannt an, irgendwo hinzugehen und nicht ans einchecken zu denken….und der Phantomgriff zum Smartphone wird sicher auch noch nachlassen 😉 Es ist zudem noch viel entspannender, dass nicht alle wissen wo ich gerade bin (ausser ich kommentiere entsprechend auf Twitter & Co.). Die totale Gläsernheit auf Social Media hat nicht nur Gutes…. Auf die Entwicklung bin ich gespannt. Und hoffe zudem, dass alle bei der neuen Swarmapp die Funktion „Nicht automatisch alles auf Twitter und Facebook posten“ finden… 😉

  4. Gratuliere! Foursquare ist so ziemlich das nutzloseste, weil von Schweizer Firmen kaum genutzte Social Network, hab dort so schnell wieder aus- wie ich eingecheckt habe. Mehr Zeitverschwendung und Durchsichtigkeit der eigenen Person kann man sich eigentlich nicht geben…

    1. Danke. Da stimme ich dir zu. Aber manchmal ist auch etwas nutzloses witzig und unterhaltsam. Ich fands lustig, den Mayor zu erobern, irgendwelche Badges freizuschalten und in der Statistik einen guten Platz zu haben. Gamification – ich sprach total darauf an. Und zu sehen, ob eine Freundin schon am Treffpunkt ist oder ob noch andere bekannte Gesichter am gleichen Ort sind etc. Gewisse Dinge werde ich vermissen aber erst einmal fühlt es sich entlastend und frei an 😉

    1. Good luck. Bei mir wird es wohl eine Weile dauern, bis der automatische Griff zum Smartphone beim betreten einer Location nachlässt 🙂

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