Die re:publica wirkt nach

Oft pflegen auch eindrückliche Erlebnisse mit den ins Land ziehenden Tagen im Nebel des Vergangenen zu entschwinden. Doch mit der re:publica vom 6.-8. Mai 2014 in Berlin verhält es sich bei mir anders. Gläsernheit, Netzpolitik, Überwachung, ungezähmte Netzkultur – die re:publica wirkt immer noch nach und das bleibt hoffentlich auch so. Das diesjährige Motto «Into the wild» (Zitat Website re:publica) wollte…

…den Blick öffnen für verschiedene Ansätze, um das Internet und die Gesellschaft der nahen Zukunft zu verstehen und zu verbessern. Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden? Die Auflösung von Strukturen, das Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis eben, könnten Strategien sein. Aber wie finden wir uns dann noch zurecht, wie finden wir zueinander? Wie flüstert man im Netz und vor allem: mit wem? Wird nicht, wer ein freies, unkontrolliertes Netz fordert, umso mehr kontrollieren müssen, wer dabei sein darf und wer draußen bleiben muss?

Und so ist ein ruhiges Wochenende Ende Mai für mich ein guter Zeitpunkt, die re:publica noch einmal Revue passieren zu lassen und ein paar Session-Häppchen mit euch zu teilen. Nach meinem ersten Blogpost zur re:publica «Die re:publica 14: Einfach #Hach»  folgte ein Artikel im «mk fokus» (Fachzeitschrift für Marketing & Kommunikation), für welchen ich einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Schweiz nach ihren Lieblings-Sessions gefragt habe. «re:publica 2014: Eindrücke und Empfehlungen aus Schweizer Sicht».

mkfokusrp14
Ich starte mit Sascha Lobo und seiner «Rede zur Lage der Nation». Warum ich diese viel zitierte, kritisierte, gelobte und hinterfragte Session hier noch einmal aufnehme? Weil ich seine Botschaft in ihren Grundzügen wichtig finde. Darum. Einige Aussagen habe ich mir notiert – seht es mir nach, wenn die Wiedergabe hier nicht Wort für Wort dem Gesprochenen entspricht:

  • Mitten im Überwachungsskandal ist die Netzgemeinde träge und schlecht organisiert.
  • Wer sich beklagt, muss handeln.
  • Überwachung darf nicht totale Normalität werden.
  • Es geht nicht um die Ablehnung des Fortschritts, sondern um dessen Richtung. Wir brauchen einen neuen Internetoptimismus. Und dieser sollte identisch mit dem Gesellschafts-Optimismus sein.
  • Wir können uns im Internet nicht unabhängig von der Politik machen.
  • Der Kampf in den Köpfen um die Köpfe. Es geht nicht nur um Technologie. In erster Linie geht es um Kommunikation.
  • Wichtigstes Kennzeichen eines neuen Internet-Optimismus ist, dass die Gegner eben nicht mehr wie früher die Internet-Skeptiker sind. Die Gegner sind die Internet-Missbrauchenden.
  • Organisiert euch! Strukturiert euch! Vernetzt euch!

 

Und dann hat sich Moritz Metz gefragt, wo das Internet eigentlich lebt. Eine sehr unterhaltsame und doch auch nachdenklich stimmende Session «…über die Örtlichkeit des Internets. Wie Orte das Netz verändern und das Netz Orte verändert.» Doch hört und seht selbst:

 

Ein faszinierendes Thema hat sich Anatol Stefanowitsch ausgesucht. Er befasst sich in seiner Session «Sprachpolizeiliche Ermittlungen» mit dem Kampf um die Sprachregelungen, den unterschiedlichen Wertvorstellungen dazu und möglichen Fehlschlüssen über die Funktionsweise der Sprache. Ich persönlich habe eine sehr gelassene Einstellung zum Thema. Leben und leben lassen.

 

Sarah Spiekermann erläutert in ihrer Session das Projekt «Die ethische Maschine» und spricht über das Ende des «Function-Hype» und die Entwicklung der technischen Möglichkeiten. Und ja, über Ethik. «Die Ethik sagt uns nicht, was richtig und falsch ist. Die Ethik macht sich Gedanken darüber, was richtig und falsch sein könnte.»  Die Dimensionen des Themas wurden mir erst im Verlauf der Session bewusst.

 

«Wie ich lernte, die Überwachung zu lieben». Der Titel dieser Session ist mir sofort ins Auge gestochen. Gut gemacht, Felix Schwenzel… Und der Besuch hat sich in vielerlei Hinsicht gelohnt.  Gewohnt unterhaltsam führte Felix Schwenzel durch die rund 40 Minuten und doch ist das Grundthema eigentlich gar nicht lustig. «Wir laufen nicht nur den technologischen Entwicklungen hinterher, sondern auch den gesellschaftlichen.»

 

Und zum Abschluss erhält Wibke Ladwik wortwörtlich das Wort. Wibke geht auf Wortfang, treibt Schabernack und irgendwie endet alles in einem #Ponyhofgate. So schön. Es geht um Wortschatz, Sprachverfall und Sprachwandel.


Fast alle Sessions kann man sich übrigens noch einmal anschauen, anhören oder nachlesen. Viel Spass – und bleibt dran!

 

 

3 thoughts

  1. Jaja, das Netz mit all seinen Facetten. Nomen est Omen – das NETZ trägt seinen Namen zurecht. Wir sind gefangen darin. Freiwillig, mit Lust, mit Last, mit Freude und mit den Gefahren, die auch sonst an jeder Ecke lauern könnten.
    Wie viel, wie lang, wie intensiv, wie sicher und warum oder ob fast gar nicht – nun das bleibt jedem selbst überlassen. Das die digitale Welt ein mehr an Überwachung ermöglicht liegt in der technischen Natur der Sache.

    Fakt ist, das Netz hat die Welt verändert, es nimmt Einfluss auf uns, unsere Sprache und unser Leben. Thats life.

    1. Ich stimme dir zu. Ich finde aber auch, dass man sich nicht jedes Grad an Überwachung gefallen lassen muss, bzw. nicht gefallen lassen sollte. Mit „so ist es halt, damit müssen wir leben“ ist es eben nicht getan. Nicht mehr. Da hat Sascha Lobo mehr als nur recht. Und auch ein bewusster Umgang alleine reicht nicht mehr aus.

      1. Vollkommen richtig! Ich habe das nicht hinreichend zum Ausdruck gebracht. Neben dem bewussten Umgang sollte ein „STOP – da setze ich mich zur Wehr“ sicher auch Teil des Verhaltens sein.

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