Fussball

Ich bin mit Fussball aufgewachsen. Schon als Dreikäsehoch war ich im Stadion anzutreffen. Ehrfürchtig und doch noch ohne Verständnis für das Spiel. Mein Heimclub ist wohl der meist geliebte und zugleich meist gehasste Fussballclub in der Schweiz.

Aus Gründen der Sozialisierung wurde ich also erst einmal Fan des eigenen Stadtclubs. Um meine pupertäre Widerstandsfähigkeit zu testen mutierte ich zur gegebenen Zeit zum Fan des damals grössten Gegners . Natürlich inklusive der Frechheit, das wunderschöne Trikot dieses Clubs auch noch in der Schule zu tragen. Zur Krönung der jugendlichen Revolution bekundete ich dann tatsächlich irgendwann meine Freude an der deutschen Nationalmannschaft. Später fand ich aus eigenem Antrieb zurück zu meinem Heimclub und spätestens als Alain Suter die «Stop it Chirac» Aktion organisierte auch wieder zur Schweizer Nationalmannschaft.

fussball tv

Trotz aller Fussball-Liebe fand man mich nie in den typischen Fan-Kurven und weit gereist bin ich für ein Fussballspiel auch nie. Ich schwärmte mit Ausnahme kindlicher Verrücktheit (ich wollte damals Maradona heiraten, aber eigentlich auch nur weil ich den Namen cool fand) auch nie für einen Fussballer und entwickelte keinerlei Groupie-Eigenschaften. Und doch, ich sass beim Champions League-Spiel gegen ManU in der ersten Reihe direkt am Spielfeld-Rand, organisierte Fussball-Partys für meine Freunde, besuche Meisterfeiern und Public Viewings, sass lieber mit den Jungs beim Fussballspiel vor dem TV  als mit den Mädels beim tratschen, sammelte Panini-Bilder und ja, die Fussballregeln kenne ich auch.

Es ist toll, sich für eine Sache zu begeistern. Hitzige Herzblut-Diskussionen waren allerdings nie meins. Sich wegen Fussball zu echauffieren oder gar zu streiten – das war und ist mir zu blöd. Begleiterscheinungen wie Hooligans und Krawalle sind mir gleich wie Schiri-Bashing zuwider. Geschlechter-Diskussionen finde ich übrigens lächerlich. Frauen können sich genau so für Fussball interessieren und fit im Thema sein.

Und so gab und gibt es in meinem Leben immer wieder Zeiträume ohne viel Berührung mit dem Thema Fussball. Dies unabhängig davon, ob mein Heimclub gerade gut oder schlecht unterwegs war. Es gab Meisterjahre, die ich kaum mitverfolgt habe und schlechte Jahre, bei denen ich kein Spiel verpasst habe. Es gibt einfach für alles seine Zeit und seine Intensität. Prioritäten verschieben sich.

Es gibt für mich auch keine Skala, ab wann man Fan ist (oder sein darf) und wann nicht. Fan zu sein heisst für mich nicht, dies permanent laut in die Welt hinaus zu brüllen und seinen Club wider jeglichen Verstands zu verteidigen. Fan zu sein heisst für mich auch, in weniger aktiven Momenten stille Unterstützung zu geben, sich mit dem Club über Siege zu freuen und Niederlagen zu bedauern.

Und nun laufen die ersten Tage der Weltmeisterschaft in Brasilien und ich habe noch keine Spielminute live miterlebt. Irgendwie passt es einfach grad nicht. Ich habe keine Lust, die Begeisterung fehlt. Aber vielleicht packt es mich ja beim ersten Spiel der Schweiz wieder – und dann werde ich wieder mitten drin sein, als ob ich nie weg war. In diesem Sinne: Hopp Schwiiz!

 

 

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